01.01.2012
Tirol

„Ich will nicht verlernen zu staunen“

Brigitte Fassbaender engagiert sich 2012 für das SOS-Kinderdorf-Projekt „ubuntu“. Ein Gespräch über Kinder, Kindheit, unerfüllte Sehnsüchte und die Fähigkeit, lustvoll kindisch zu sein.
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Zur Person

Geboren am 3. 7. 1939 in Berlin als Tochter des Baritons Willi Domgraf-Fassbaender und der Schauspielerin Sabine Peters.

Karriere: Die Mezzosopranistin war eine der weltgrößten Opern- und Liedsängerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr Schaffen ist auf etwa 250 Tonträgern dokumentiert. Seit dem Ende ihrer Bühnenkarriere reüssiert die vielfach ausgezeichnete Kammersängerin als Regisseurin, Lehrerin und Librettistin („Shylock“ nach Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ wird am 5. Mai uraufgeführt). Mit Ende der Spielzeit endet nach 13 Jahren Fassbaenders Intendanz am Tiroler Landestheater.

Von Irene Heisz

Sie fungieren im Jahr 2012 als Botschafterin für das Kulturprojekt ubuntu von SOS-Kinderdorf. Warum?

Brigitte Fassbaender: Weil es eine ganz tolle Initiative und eine wunderbare Aufgabe ist, diesen Begriff „ubuntu“ mit Leben zu erfüllen. Ich habe gelernt, dass „ubuntu“ vieles bedeutet: Respekt, Vertrauen, Verantwortung, Würde, Mitgefühl, Achtsamkeit, Toleranz … – das alles sind Werte, die nicht nur Kinder, sondern jeden Menschen betreffen. Dass das, was man da tut, Kindern zugutekommt, ist umso schöner. Ich fühle mich geehrt, dass ich dabei sein darf. Welche Schwerpunkte man innerhalb dieses Themenkreises setzt, muss jeder Mensch für sich entscheiden.

Wo liegen Ihre, welche Begriffe sprechen Sie besonders an?

Fassbaender: Das Erste, was mich ansprang, war das Wort „Respekt“. Dann „Verantwortung“ und „Mitgefühl“. Das sind wohl jene Begriffe, die mich auch in meinem Berufsleben sehr betreffen und immer betroffen haben.

Haben Sie den Eindruck, dass es uns an diesen Werten mangelt?

Fassbaender: An der Bewusstmachung, dass diese Werte alle zusammen die Würde des Menschen ausmachen, mangelt es stark!

Was umfasst Ihr ubuntu-Engagement konkret?

Fassbaender: Ich werde am 1. März im ubuntu-Forum in Imst eine Ausstellung eröffnen. Und am 24. Mai findet bei uns im Großen Haus ein Benefizkonzert von Franui statt, das ich moderieren werde.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre wohltätigen Aktivitäten aus? Anfragen aller Art müssen ja ständig an Sie herangetragen werden.

Fassbaender: Nach Schwerpunkten, die mich im eigenen Leben betreffen: Engagement für den Erhalt des Lebensraums gefährdeter Tierarten, etwa. Oder auch der Hospizgedanke, der buchstäblich alle betrifft. Und was das Thema Kindheit betrifft: Ich war sehr gerne Kind und bin – hoffentlich! – immer noch ein bisschen Kind. Mir sind Kinder sehr vertraut, ihr offenes, formbares, unschuldiges Wesen rührt mich unendlich.

„ubuntu“ umkreist das Thema Kindheit in all seinen Facetten mit künstlerischen Mitteln. Wie ist es aus Ihrer Sicht um die Kreativität von Kindern bestellt?

Fassbaender: Kinder sind per se ungeheuer kreativ, weil unverbildet und phantqsievoll. Aber sie können ihre Kreativität nur entfalten, wenn sie dazu angeleitet sind bzw. wenn die Umstände es erlauben.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre eigene Kindheit zurück?

Fassbaender: Ich habe sie genossen, obwohl sie in sehr schwerer Zeit begann. Wenn man sich im Krieg und in der Nachkriegszeit bewusst wird, was „ich“ ist, prägen sich kleine und größere Glücksmomente vielleicht umso stärker ein.

Welche Bilder und Emotionen drängen an die Oberfläche?

Fassbaender: Ich wurde im Juli 1939, also zwei Monate vor Kriegsausbruch geboren und kann mich bis zu meinem zweiten Lebensjahr zurückerinnern. Ich erinnere mich an die letzten schweren Bombenangriffe auf Berlin und dann diese Bombennacht im Februar 1945 in Dresden, die ich miterlebte, weil meine Eltern mich in vermeintlich ruhigere Gebiete zu meinen Großeltern gebracht hatten.

Und nach dem Krieg?

Fassbaender: Die Schwere und Tragweite der Zeit war für mich als Kind nicht übersehbar. Es war aber auch irgendwie abenteuerlich, wenn es tagelang keinen Strom gab und wir im Garten auf Backsteinen Wassersuppe mit Kohlblättern und Kartoffelschalen kochen mussten. Oder wenn die Russen mit ihren Panjewagen durch die Gegend fuhren. . . Dass meine Mutter sieben Mal verschleppt und vergewaltigt wurde, habe ich damals natürlich nicht mitgekriegt – nur meinen betenden und weinenden Vater.

Hatten Sie in dieser Zeit das Gefühl, dass es Ihnen an irgendetwas mangelt?

Fassbaender: Nein. Einen Mangel empfand ich nur ein einziges Mal: als ich bei meiner Einschulung keine Schultüte bekam. Und das Schlimmste an der Dresdener Bombennacht war für mich, dass mein Stoffhund und meine Schildkrötpuppe, die mir mein Vater von einer Konzertreise mitgebracht hatte, verbrannten. Diesen beiden Wesen, die für mich Ansprechpartner waren, habe ich wochenlang nachgetrauert.

Wird man solche Erfahrungen in der frühen Kindheit jemals los?

Fassbaender: Nein. Ich träume immer noch von den Bombennächten. Ich kann heute noch keine Sirenen hören und Feuerwerk ist mir suspekt. Und wenn man erlebt hat, was Hunger ist, kriegt man es nie fertig, Lebensmittel wegzuschmeißen. Egal, wie hart es ist, ich muss altes Brot aufessen.

Haben Sie in Ihrem Elternhaus auch so etwas wie Geborgenheit erlebt, oder waren die Schauspielerin und der Sänger hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt?

Fassbaender: Waren sie, ja. Viel Geborgenheit und gleichzeitig große Freiheit habe ich durch meine Großmutter erlebt, bei der ich aufgewachsen bin. Wir lebten in Berlin, meine Eltern in Westdeutschland, unser Kontakt beschränkte sich jahrelang auf gegenseitige Besuche. Erst mit dem Studium bin ich dann wieder ins Elternhaus hineingewachsen, und das war dann natürlich nicht ganz unproblematisch.

Zumal Ihr Vater auch Ihr Lehrer war.

Fassbaender: Ja. Dennoch war das genau das Richtige für mich. Mein Vater war in Nürnberg Oberspielleiter sowie Sänger an den Städtischen Bühnen und leitete am Konservatorium die Opern- und eine Gesangsklasse. Ich war als junges Mädel und Studentin nirgendwo anders zu finden als im Theater. Von morgens bis abends, in jeder Vorstellung, dort hatte ich meine ersten großen Theatererlebnisse. Zum Beispiel erinnere ich mich an die erste deutsche Aufführung von „Kiss me Kate“.

Erklärt das Ihre Liebe zum Musical, die Sie sich bis heute erhalten haben?

Fassbaender: Absolut!

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, eigene Kinder zu haben?

Fassbaender: Ich wollte sogar unbedingt ein Kind und habe es lange Zeit sehr, sehr bedauert, dass es sich nicht ergeben hat. Ich habe sehr jung geheiratet, und mein Mann, der Regisseur an der Bayerischen Staatsoper war, wollte zunächst noch warten, bis wir uns beruflich etabliert hätten. Als er dann für ein Kind bereit gewesen wäre, war ich so in der beruflichen Tretmühle drin, dass ich nicht mehr wollte. Ich hatte auf jeder Reise schon so große Sehnsucht nach meinen Katzen und Hunden zu Hause, dass ich dachte, die Sehnsucht nach einem Kind würde mich umbringen. Denn ein Kind immer mit in die Garderobe zu schleppen, konnte ich mir auch nicht vorstellen.

Hätte in Ihrem Leben, in dem Sie in Ihrem Beruf so aufgegangen sind und so viel erreicht haben, überhaupt ein Wesen Platz gehabt, das enorm viel Aufmerksamkeit für sich gebraucht hätte?

Fassbaender: Emotional jedenfalls. Vereinen hätte ich die Karriere und ein Kind wohl nicht können. Aber dann wäre eben manches anders gelaufen.

Konnten Sie mit dem Thema irgendwann abschließen, Frieden machen?

Fassbaender: Ich weiß nicht. Das Bedauern ist geblieben. Aber es hat keinen Sinn, damit zu hadern, obwohl ich glaube, dass ich eine ganz gute Mutter gewesen wäre.

Sie fühlen mütterliche Instinkte in sich?

Fassbaender: Das hoffe ich jedenfalls! Es ist mir sehr daran gelegen, dass es den jungen Menschen, mit denen ich zu tun habe, gut geht. Und seit ein paar Monaten habe ich ein Patenkind: Juliane Banses und Wolfgang Poppens kleine Nachzüglerin. Ich bin ganz begeistert von der kleinen Nuria Gabriella Myriam und bewundere Juliane zutiefst dafür, dass sie drei Kinder und ihren Beruf unter einen Hut bringt.

Ich denke, junge Frauen heute stellen einfach den selbstverständlichen Anspruch, dass sich beides ausgehen muss – und zwar an sich selbst und die Welt.

Fassbaender: Das – oder sie bleiben Singles. Das hätte ich mir nie vorstellen können, ich wollte Glück und Leid, einfach mein Leben, immer möglichst teilen.

Ihre eigene Kreativität ist vielfältig gestreut – Sie malen und Sie schreiben auch. Wäre für Sie als Beruf ein anderes Feld als die Musik in Frage gekommen?

Fassbaender: Eine Zeitlang stellte das Malen eine sehr intensive Schiene dar, sicher auch als Form einer Flucht vor dem Druck des Sängerinnenberufs. Auf meinem Lebensweg war die Karriere eine Weile so übermächtig, dass ich buchstäblich pausenlos unter Anspannung und Erwartungsdruck stand. Ich dachte nicht nur einmal, dass ich alles hinschmeiße und mich zurückziehe, um nur noch zu malen. Aber auch dazu ist es nie gekommen.

Letztlich war die Bühne doch stärker?

Fassbaender: Auch die stärkste Begabung, denke ich.

Sie sind eine gefragte Gesangspädagogin. Was macht eine gute Lehrerin aus?

Fassbaender: Man braucht natürlich Einfühlungsvermögen, muss zuhören können und versuchen, die eigenen Erfahrungen ehrlich weiterzugeben. Aber ich denke, letztlich ist ein Lehrer nur so gut wie seine Schüler. Das ist eine ständige Wechselwirkung. Nicht jeder Schüler passt zu jedem Lehrer.

Fachlich oder zwischenmenschlich?

Fassbaender: Beides kommt vor. Notfalls muss man den Mut haben, sich das einzugestehen und sich zu trennen.

Sie haben zu Beginn unseres Gespräches gesagt, Sie seien selbst noch „ein bisschen Kind“. Wie meinten Sie das?

Fassbaender: Ich denke, ich habe mir eine kindliche Neugier erhalten. Ich will nicht verlernen zu staunen, ich staune über alles Mögliche – immer wieder, immer noch. Ich glaube auch, dass jeder Mensch beim Theater verspielt sein muss, und Phantasiebegabung ist für mich eine Voraussetzung für den Beruf. Max Reinhardt hat doch gesagt, jeder Bühnenmensch müsse seine Kindheit in der Tasche mit sich herumtragen.

Können Sie auch so richtig kindisch sein?

Fassbaender (lacht): Ja, leider viel zu oft!

Wer behauptet „leider“?

Fassbaender: Ich befürchte, dass ich meinen engsten Vertrauten mit meiner lustvollen Albernheit schon manchmal auf die Nerven gehe.

Sie stehen mitten in Ihrer letzten Saison am Tiroler Landestheater. Weht Ihnen schon manchmal ein Hauch von Abschied entgegen?

Fassbaender: Aber natürlich, das ist emotional keine einfache Zeit. Aber wir werden’s überstehen. Müssen wir ja. Und es wartet danach so viel Schönes auf mich. Allmählich fange ich auch an, mich darauf zu freuen, wieder öfter zu Hause im Chiemgau zu sein und mehr frische Luft zu haben. Wobei die Aussicht auf Freiheit schon wieder zusammengeschmolzen ist: Tatsächlich bin ich bis 2014 ausgebucht und muss jetzt schon wieder Angebote und Anfragen ablehnen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 01.01.2012
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