Auf Talente, nicht auf Schwächen schauen
Jeder Mensch hat Talente, schreiben Sie. Ist jedes Talent wirklich gleich viel wert?
Markus Hengstschläger: Die Menschen hören einen Opernsänger oder sehen einen Sportler und sagen, so ein Talent habe ich nicht. Der Begriff Talent wird aber völlig falsch verwendet. Denn wir sehen nicht das Talent, wir sehen den Erfolg, die besondere Leistung. Und diese besteht einerseits aus genetisch mitbestimmten besonderen Leistungsvoraussetzungen und andererseits aus harter Arbeit, diese zu finden und dann in Leistung umzusetzen. Ohne üben, üben, üben geht gar nichts. Meine Theorie ist, dass die Probleme der Zukunft nur dadurch gemeistert werden können, wenn man möglichst viele individuelle Ansätze im System hat. Wir kennen die Zukunft nicht, deshalb wissen wir auch nicht, welche Talente wir brauchen werden. Wir haben unglaubliche „Peaks und Freaks“ in unserem Land und ich bin davon überzeugt, dass alle Talente ein enormes Kapital sind.
Wenn Österreich so viele Talente hat, wieso droht die „Durchschnittsfalle“?
Hengstschläger: Ein Beispiel: Ein Kind hat vier Nicht genügend und ein Sehr gut. Das aktuelle Bildungssystem sagt zu diesem Kind, in dem Fach mit der guten Note bist du eh schon durch. In den Fächern mit Nicht genügend wirst du gefördert und gefordert, bekommst Nachhilfe. Nach harter Arbeit wird das Kind in den schwachen Fächern den Durchschnitt erreichen und das Fach, in dem es sehr gut war, vernachlässigen. Am Ende ist das Kind überall Mittelmaß und wird nie etwas Besonderes leisten. Wenn man alles zerstört, was an Individualität vorhanden ist, ist man in der Durchschnittsfalle. Warum schreibe ich dieses Buch? Weil ich glaube, dass Österreich es komplett falsch macht und zurzeit am Holzweg ist. Das Beste, was man über sein Kind scheinbar sagen kann, ist, es fällt nicht auf. Durchschnittlichkeit ist ein Erziehungsziel geworden. Wir brauchen aber Kinder, die auffallen.
In welcher Schulform wäre die Wahrscheinlichkeit am größten, dass das Talent eines Kindes erkannt wird?
Hengstschläger: Die Diskussion über Zentralmatura, Gesamtschule, Neue Mittelschule oder Numerus clausus auf Unis geht völlig am Kern vorbei. Das Bildungs- und Universitätssystem muss nur eines im Auge haben, nämlich wie viele und welche Talente ich in meiner Klasse habe. Wo ist die Individualität, was kann jemand besonders gut? Ob man das mit einer Gesamtschule oder mit einer Aufnahmeprüfung an Unis erhöhen kann, das gehört evaluiert, das ist mir auch egal.
Wie kann man Talente nun am besten aufspüren?
Hengstschläger: Wir müssen in der Lehrerausbildung den Lehrern beibringen, Talente zu finden. Das ist aber keine Lehrerdiskussion, denn sie können nur einen Beitrag leisten. Das fängt schon bei den Eltern an. Wir brauchen Arbeitgeber, Trainer, Uni-Professoren, die darin ausgebildet worden sind, wie man ein Talent findet. Wir brauchen Talentforschung, Talentförderung und Talentforderung. Eltern dürfen nicht zufrieden sein mit dem Mittelmaß ihrer Kinder. Wenn ein Kind auf Musik reagiert, summt und tanzt, wäre es schade, nicht nachzuschauen, ob es nicht eine besondere Stimme hat. Man muss aber vorsichtig sein: Denn die Talentumsetzung kann man durch Motivation anfeuern, aber erzwingen kann man sie nicht. Ein Kind muss das Recht haben, auch dafür Begeisterung zu zeigen, wo es nicht so talentiert ist. Es wird am Ende da sogar eine bessere Leistung bringen.
Sie sprechen von „Abweichlern“ und „Auffallern“ wie Einstein und Freud als Vorbilder. Begriffe, die eigentlich negativ besetzt sind.
Hengstschläger: Heutzutage ist es negativ, wenn ein Kind Fragen stellt. Das gesamte Paket an Individualität ist negativ besetzt. Dabei ist „anders“ das Beste, was man sein kann. Das sollte cool und in sein.
Sie sprechen sich auch für eine Einwanderungspolitik aus, die nicht wie in Österreich per „Migrations-Card“ nur Arbeitskräfte aufnimmt, die aktuell gebraucht werden.
Hengstschläger: Es gibt überhaupt nichts Klügeres als Migration, weil es die Individualität aufrechterhält. Wir müssen die Talente aus den verschiedenen Kulturkreisen, aus den verschiedenen religiösen und ethnischen Hintergründen finden. Migration darf nicht als Gefahr, sondern muss als Chance gesehen werden.
Sie haben eine außergewöhnliche Karriere gemacht, promovierten als 24-Jähriger zum Doktor der Genetik – Sie sind also auch ein Freak?
Hengstschläger: Ich habe vor 25 Jahren maturiert und ein paar Jahre vor dem Gentechnik-Volksbegehren, bei dem 1,3 Millionen Menschen unterschrieben haben, Genetik studiert – da galt ich als ordentlicher Freak! Ich hatte aber immer das Gefühl, es ist gut, wenn man aus der Reihe tanzt. Ich habe nur leider das Gefühl, dass das in Österreich niemand mehr so sieht.
Das Gespräch führte Cornelia Ritzer



