29.01.2012
Tirol

„Hundertprozentig zufrieden ist man selten“

Die Königin des Schauspielensembles am Tiroler Landestheater würde gern einmal einen König, nämlich Shakespeares „Lear“, spielen: Eleonore Bürcher im Gespräch.
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Zur Person

Geboren 1948 in Brig (Oberwallis, Schweiz); Handelsschule, Matura, Schauspielschule in Bern. In zweiter Ehe verheiratet mit Heinz Cabas.

Karriere: Seit 1981 Ensemblemitglied des Tiroler Landestheaters, spielt dort und in der freien Szene alle großen Rollen; 2011 mit dem erstmals vergebenen Publikums-„Nestroy“ geehrt.

Von Irene Heisz

Wie macht es sich im Alltag bemerkbar, dass Sie vergangenen Herbst den Publikums-„Nestroy“ gewonnen haben?

Eleonore Bürcher: So, dass mich jetzt noch mehr Menschen erkennen und freundlich ansprechen. Ich hätte gar nicht gedacht, dass das so lange anhält.

Hat sich der „Nestroy“ auch auf Ihre innere Haltung ausgewirkt?

Bürcher: Tatsächlich ja, das ist das Positivste daran: Ich musste fast 64 Jahre alt werden, um mich endlich, endlich nicht mehr so sehr davor zu fürchten, meine Meinung zu sagen. Es ist lächerlich, aber ich fühle mich jetzt freier und selbstbewusster.

Selbstvertrauen ist auch nach Jahrzehnten auf der Bühne immer noch ein schwieriges Thema?

Bürcher: Ja. Als Privatperson bin ich scheu und zurückhaltend. Aber wenn ich auf der Bühne stehe und es klappt, denke ich – mittlerweile – nicht mehr über das Thema nach. Dafür habe ich allerdings auch lange genug Therapie gemacht. Oder eigentlich verschiedene Therapien.

Was hat etwas gebracht?

Bürcher: Die einzige Therapie, die mir half, war eine psychodynamische Therapie nach Habib Davanloo. Gelernt habe ich dabei u. a., dass destruktive Selbstkritik zu vermeiden ist, dass man nicht im Wartezimmer verharren darf, sondern selbst aktiv werden muss – und dass man seinem Gefühl trauen soll.

Sie können also nicht behaupten, dass die Kunst Ihre Therapie ist, sondern umgekehrt: Sie brauchten eine Therapie, um Ihre Kunst weiter ausüben zu können?

Bürcher: Anders als bei den meisten anderen, oder?

Deutlich häufiger hört man die gegenteilige Aussage. Zielt die Davanloo-Methode klassisch auf die Kindheit als Ursache allen Übels?

Bürcher: Ja, ja, schon, mein Therapeut hat das meinen „internalisierten Vater“ genannt. Mein Vater war Jurist und eine Weile in der Politik, ich bin zwar behütet aufgewachsen, habe aber letztlich nie genügt. Ich habe als erstes Mädchen in Brig die klassische Matura gemacht, obwohl ich nach der Handelsschule zunächst in ein Büro arbeiten gehen sollte.

Wie viel Platz war in Ihrer Kindheit für Spiellust, Kunst, Kultur?

Bürcher: Keiner. Wir mussten immer bloß spazieren gehen! Meine drei älteren Geschwister und ich wurden vormittags von einer Kinderfrau und nachmittags von meiner Großmutter betreut. Auf der Gasse mit den anderen Kindern Völkerball spielen durfte ich nur ganz selten. Mir wurden auch nie Märchen vorgelesen.

Wie sind Sie dann aufs Theater und die Literatur gekommen?

Bürcher: Eigentlich, glaube ich, durch das Hörspiel. Donnerstags war immer Hörspielabend im Radio und ab und zu durfte ich mit meiner Mutter mithören. Damals habe ich mich in diese Sprache verliebt. Allein, wie da „Ich liebe dich“ gesagt wurde ... im Oberwallis heißt das „Ich ha di gäre“! Und mit 13 oder 14 Jahren durfte ich zum ersten Mal überhaupt ins Kino: „Le Dialogue des Carmélites“. Danach habe ich, gregorianische Choräle absingend, wochenlang abends zu Hause den Gang zum Schafott gespielt.

Wären Sie selbst gern beim Film gelandet?

Bürcher: Durchaus. Aber ich wusste nicht, wie man das eigentlich anstellt.

Wann und wie hat das mit Ihrer Schüchternheit begonnen?

Bürcher: Als kleines Mädchen war ich immer diejenige, die den Ton angab und auch Raufereien mit Buben nicht aus dem Weg ging. Die Schüchternheit kam erst später, in der Schauspielschule in Bern. Das war eine vollkommen fremde Welt für mich. Meine Lehrerin hat mir später gestanden, dass sie bei meiner Aufnahmeprüfung dachte: „Die ist entweder hochbegabt oder eine Verrückte.“ Ich sprach nicht nur Schweizer Hochdeutsch, sondern meinen Walliser Dialekt und habe ausgerechnet Rilke-Gedichte und Anouilhs „Antigone“ vorgetragen – schrecklich, wenn ich daran denke, geniere ich mich noch heute.

Angenommen wurden Sie dennoch.

Bürcher: Ja, ja – aber ein halbes Jahr zur Probe! Das hatte es vorher nie gegeben. Und dann wurde die Probezeit noch einmal um ein halbes Jahr verlängert. Aber danach, sagte man mir, sei ich nicht wiederzuerkennen gewesen.

Welches Verhältnis haben Sie heute zum Dialekt Ihrer Heimat?

Bürcher: Ein gespaltenes. Heute rede ich Dialekt nur noch mit zwei langjährigen Freundinnen. Die Wahrheit ist aber: Es kann sich kein Mensch vorstellen, wie sehr ich immer noch ständig um die Hochsprache ringe. Ich habe jeden Satz hundert Mal im Mund, bevor ich damit auf die Bühne gehe.

Keine Rede also von der holden Kunst – stattdessen von Blut, Schweiß und Tränen?

Bürcher: Ja. Deswegen kann ich es auch nicht mehr hören, dass Schauspieler einander vor jeder Vorstellung „Viel Freude!“ oder „Viel Spaß!“ wünschen. Ich habe keinen „Spaß“ auf der Bühne. Mich nervt auch diese falsche Freundlichkeit, mit der man im Theater dauernd konfrontiert ist, und die Inflation der Sprache. Man kann nicht sagen „Das war gut.“ Man muss immer sagen „Das war wunderbar!“ und „Du bist genial!“ Heutzutage ist jeder Dritte genial.

Fühlen Sie denn nach einer Vorstellung Freude?

Bürcher: Wenn es gutgegangen ist, bin ich dankbar. Hundertprozentig zufrieden ist man selten.

Wann sind Sie am besten? Woraus schöpfen Sie die Intensität, für die das Publikum Sie liebt?

Bürcher: Am besten bin ich, wenn man mich lässt.

„Man“ heißt: der Regisseur, die Regisseurin?

Bürcher: Ja. Gut ist für mich, wenn die Regisseure abwartend sind und offen für das, was auf sie zukommt. Als ganz junge Schauspielerin in Detmold durfte ich in meinem zweiten Jahr das Gretchen spielen. Der Regisseur hat wochenlang nichts zu mir gesagt, kein Wort. Eine etwas ältere Kollegin hat sich dann bemüßigt gefühlt, mir Tipps zu geben. Und irgendwann habe ich ihr erklärt: „Lasst mich einfach alle in Ruhe. Wenn ich in zwei Wochen bei der Premiere baden gehe, dann wenigstens mit meiner Interpretation!“

So viel zur schüchternen Jungschauspielerin!

Bürcher: Unglaublich, oder? Der Witz ist: Heute würde ich mich das nie mehr trauen.

Und am Tag der Premiere?

Bürcher: Ich wäre fast gestorben vor Angst! Eine Lehre, die ich aus meiner eigenen Erfahrung gezogen habe, ist: Gib nie jungen Kollegen ungefragt Ezzes. Das ist nicht gut gemeint, sondern immer als Verunsicherung gedacht und als Signal: „Ich kann das und du nicht!“

Wie haben Sie die Zeit in Erinnerung, als es Sie 1981 nach Innsbruck verschlagen hat?

Bürcher: Das klingt banal, aber spontan fällt mir ein: Ich kannte es aus der Schweiz nicht, dass in den Supermärkten manchmal Waren ausgingen und man tagelang darauf warten musste. Heute fände ich das sogar gut, aber damals hat es mich irritiert.

Und das Tiroler Landestheater?

Bürcher: Bedeutete gagenmäßig ein Drittel von dem, was ich vorher in Solothurn hatte, aber künstlerisch einen Aufstieg. An sich nach Innsbruck gekommen bin ich wegen eines Kollegen, mit dem ich eine Liaison hatte. Der hat mich allerdings nach drei Monaten vor die Tür gesetzt. Ich war damals 33, das ist aus heutiger Sicht kein Alter, aber davor war immer ich gegangen. Zum ersten Mal verlassen zu werden, hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.

Warum haben Sie mit knapp 40 Jahren beschlossen, noch einmal ein Studium, nämlich Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik, zu absolvieren?

Bürcher: Aus ganz banalen Gründen: Es ging das Gerücht um, dass ich am Landestheater gekündigt werden sollte, und es hat sich auch herausgestellt, dass ich nur dank einer Intervention der Betriebsrätin Brigitte Schmuck nicht hinausgeflogen bin. Das war mir eine Lehre, ich wollte mir ein zweites Standbein schaffen und habe dann das Studium durchgezogen, ohne jemandem am Theater etwas zu sagen.

Warum nicht?

Bürcher: Es war damals schon üblich, dass Schauspieler nicht so klug sein dürfen. Erst zur Sponsion habe ich dann alle eingeladen.

Hätten in Ihrem Leben Kinder Platz gehabt?

Bürcher: Anfangs wollte ich keine. Einerseits, weil ich sehr nach meiner Mutter komme: Sie war eine emanzipierte Frau, ihrer Zeit weit voraus – toll, aber keine sonderlich gute Mutter. Andererseits gab es, als ich jung war, noch kaum Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Ich dachte, wenn ich ein paar Jahre aus dem Beruf aussteige, bekomme ich nie wieder eine Rolle. Als ich dann allerdings Katzenbesitzerin wurde, habe ich bemerkt, dass ich bestimmt eine gute Mutter gewesen wäre. Heute tut es mir leid, dass ich keine Kinder habe. Irgendwie gehört es doch dazu, und je älter man wird, desto häufiger fragt man sich: Was bleibt eigentlich? Man ist halt immer nur auf sich selbst bezogen, und wenn du einmal in Pension bist, braucht dich sowieso niemand mehr.

Aber Sie denken noch nicht an die Pension?

Bürcher: Aber doch! Seit zehn Jahren sage ich, dass ich in Pension gehe! Aber wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, muss ich sagen: Je näher die Pensionierung tatsächlich rückt, desto schwieriger wird das für mich.

Ist es dumm, jemanden nach 40 Jahren auf der Bühne nach einer Traumrolle zu fragen?

Bürcher: Nein, gar nicht. Das ist jetzt fast schon zu spät, weil sie im Grunde jünger sein müsste, aber die Klytemnästra würde mich schon interessieren. Und: Ich würde gern einmal den Lear spielen.

Wie – den König selbst?

Bürcher: Ja.

Dann sollten Sie die Idee vielleicht einmal mit der neuen Intendanz besprechen.

Bürcher: Ich weiß nicht, kann man das einfach so tun? Gemacht habe ich es jedenfalls noch nie.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 29.01.2012
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