Mit bunten Rüschen gegen die Krise
Von Stefan Musil
Wien – Soll man das jetzt mutig nennen? Die Wiener Staatsoper wagt sich erstmals in ihrer Geschichte an „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ des Duos Bertolt Brecht und Kurt Weill. Jene plakative, in Opernform gegossene Kapitalismuskritik, die in die schnell aus dem Nichts wachsende Stadt Mahagonny führt und dort das in ihr angeschwemmte Personal zeigt, wie es nach Vergnügen giert und das Geld zum höchsten Lebensgut erhebt. Schließlich betraut man einen Publikumsliebling wie Angelika Kirchschlager mit der Rolle der Jenny Hill, die damit in die Fußstapfen einer Lotte Lenya, einer Anja Silja, einer Teresa Stratas tritt. Man schenkt also einem Werk eine der raren Neuproduktionen, das sich bis heute nie endgültig durchgesetzt hat und bei dem sich grundsätzlich die Frage stellt, ob es sich für die Dimensionen der Staatsoper überhaupt eignet.
Das Ergebnis enttäuscht, besonders szenisch. Verantwortlich dafür ist der französische Regisseur Jérôme Deschamps, dem so gut wie gar nichts zu dem durchaus brisanten Stück eingefallen ist. Als Feigenblatt fürs epische Theater montiert er zumindest Brechts Gardine quer über die Bühne, dahinter lugt dann eine putzig-bunte Dekoration hervor, die einem Kinderstück alle Ehre machen würde. Da schieben sich Häuschen vor und zurück, schweben der Mond, ein Wölkchen und ein Schiffchen über den Horizont und wenn der Hurrikan die Stadt bedroht, wabert ein Riesenstanitzel lustig durch die Gegend. Deschamps scheint das Prinzip des epischen Theaters, auf das er sich auch beruft, jedoch mit dem einer Modeschau zu verwechseln. Kostümbildnerin Vanessa Sannino darf dafür aus dem Vollen schöpfen und zeigen, dass die Staatsoper auch für die Kapitalismuskritik ein opulentes Budget hat. Das wirkt dann so geschmacklos, als wäre Björk im Wunderland gelandet oder Alice im Cirque du Soleil. Der szenische Rest ist Gehen, Stehen, Kostümvorführen und wieder Stehen. Dazu muss der arme Heinz Zednik als „Regisseur“, neben der Bühne sitzend, so als hätte man den „Fledermaus“-Frosch vergessen, Zwischentexte aufsagen und die Windmaschine bedienen.
Am Pult steht Ingo Metzmacher und fördert mit dem Staatsopernorchester einen sehr detaillierten, sauberen, etwas selbstverliebten Weill-Klang aus dem Graben, dem es dann etwas zu oft an Schärfe und Drive mangelt. Mit Christopher Ventris hat man einen ganz hervorragenden Jim Mahoney zur Verfügung. Elisabeth Kulman legt ihre Witwe Begbick mit wohltönendem Mezzo ganz belcantesk an, während sich Angelika Kirchschlager, stimmlich nicht ganz auf der Höhe, sehr bemüht, ihre Jenny Hill etwas verrucht zu brechen. Die übrigen Herren und Damen sind sorgfältig besetzt in diesem harmlosen Staatsopern-Mahagonny, das es wohl konzertant auch und mit Sicherheit wirksamer getan hätte. Am Ende gab es ein wenig gebremsten Jubel für Sänger, Dirigent und Orchester und deutliche Ablehnung für die Inszenierung. Mutig sieht irgendwie anders aus.



