Rettende Endstation Realitätsverlust
Von Bernadette Lietzow
Wien – „Ich habe mich immer auf die Freundlichkeit von Fremden verlassen.“ Mit diesen Worten hakt sich Blanche DuBois beim Arzt unter, der sie in die Psychiatrie bringen wird, und räumt damit das Feld, das sie in den vergangenen Monaten in einer Mischung aus Egoismus und Verzweiflung in einen Kriegsschauplatz verwandelt hat. Tennessee Williams, dessen Geburtstag sich im kommenden März zum 101. Mal jährt, perfektionierte rund um die Zentralfigur des 1947 uraufgeführten Dramas „Endstation Sehnsucht“ seine unvergleichliche Fertigkeit, das persönliche Schicksal seiner Figuren mit dem Untergang des alten US-amerikanischen Südens zu verknüpfen. Das 1951 von Elia Kazan mit Marlon Brando und Vivian Leigh verfilmte Stück stand am Anfang einer langen Reihe höchst erfolgreicher Werke wie „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, „Süßer Vogel Jugend“ oder „Die Nacht des Leguan“, die in den letzten Jahren wieder vermehrt als spannende Theaterstoffe erkannt und gespielt werden.
Dieter Giesing, seit den 70-er Jahren an den großen Häusern des deutschen Sprachraums als Regisseur präsent und im vergangenen Jahr mit seiner klaren und vermutlich auch klärenden Inszenierung von Schnitzlers „Professor Bernhardi“ am Burgtheater zu Gast, nähert sich in der für ihn typischen Weise dem mit so vielen (Vor-)Bildern besetzten Schauspiel. „Es ist für mich nicht entscheidend, wie ein Charakter sein soll. Sondern wie sich ein Mensch in bestimmten Situationen verhält“, betont er in anderem Zusammenhang in einem Interview mit der Welt. Dieses Credo scheint auch die Herangehensweise an „Endstation Sehnsucht“ zu sein, wenn er auf der weitläufigen Bühne des Burgtheaters ohne Scheu das so notwendige Williams’sche Kammerspiel behauptet. Den Rahmen dafür baute ihm Karl-Ernst Herrmann und lässt eine schiefe Ebene weit in den Zuschauerraum ragen. Darauf ein mit armseliger rosa Tapete, Ventilatoren und einfachstem Mobiliar unterversorgter Wohnraum mit abgetrenntem Schlafbereich und Badezimmer. Es ist das Reich der jüngeren Schwester Stella (Katharina Lorenz), in das die auf ihre hugenottisch-bürgerliche Herkunft so bedachte Blanche da einbricht und das, ebenso wie ihr ein „bisschen primitiver“ polnischstämmiger Schwager Stanley (Nicholas Ofczarek), so gar nicht ihren Vorstellungen oder vielmehr dem Grund ihres plötzlichen Besuches, nämlich Zuflucht zu finden, entspricht. Blanche steht nach dem Verlust des Familiengutes, ihres Lehrerinnenjobs und diversen fatalen Affären am Abgrund, den sie mit Alkohol und phantasierten Zukunftsplänen leugnet.
Dörte Lyssewski trägt die ambivalente Figur der Blanche, bei der man als Zuseher immer wieder zwischen tiefem Mitleid und Abscheu schwankt, von Anfang an als die Ihre durch das Stück und ist auch in den schwierigen letzten Szenen, in denen sich Blanches Wahnvorstellungen immer mehr ihren Weg bahnen, glaubwürdig. Ebenso wie die Stella der Katharina Lorenz, jene jüngere Schwester, die dem brüchigen Südstaatenidyll ihrer Familie schon lange entflohen ist und sich an der Seite ihres Mannes Stan Kowalski in einem bescheidenen Leben voll von stürmischer Liebe, gelegentlichen Gewaltausbrüchen und baldigem Kindersegen ein eigentümliches Idyll eingerichtet hat. Lorenz‘ Spiel ist zurückhaltend und zugleich so intensiv, dass sie in der Interaktion mit den aufgrund ihrer Rollen extrovertierteren Kollegen Lyssewski und Ofczarek wie ein verinnerlichendes Korrektiv wirkt.
Dass Ofczarek als Stan seine Sache sehr gut macht, liegt auf der Hand, ebenso wie der Jubel des Publikums für dieses gelungene Tennessee-Williams-Fest.



