Lyrisches Brummen aus den Tiefen der Seele
Von Sabine Theiner
Innsbruck – Nach seiner fulminanten Welttour von 2008/09 hat der kanadische Liedermacher nun im Alter von 77 Jahren ein neues Studioalbum aufgenommen und präsentiert ein Stück Musik zum Nachdenken, zum Genießen und zum Staunen. Die zehn ruhigen und reduzierten Songs auf „Old Ideas“ handeln von Erlösung, Verlust, Vergänglichkeit und Liebe. Die Art, wie Cohen seine Lieder vorträgt, zeigt ihn als einen Mann, der in Würde altert. Er hat die Wichtigkeit der „Old Ideas“ erkannt und jetzt erzählt er uns als einer, der in sich ruht, von Heimkehr und Erlösung. Wie er das macht, das zeugt von Weisheit, Milde und Demut.
Die zurückhaltende Instrumentierung und der engelsgleiche, hymnische Backgroundgesang sind perfekt ausbalanciert, sodass eine erstaunliche Transparenz entsteht. Cohens Stimme ist die tragende Säule, sein Bariton ist mit der Zeit grabestief geworden, hinabgesunken zu einem ausdrucksstarken Brummen. Der Opener „Amen“ wird durch diese unglaublich sonore Stimme zu einem der besten Lieder des Albums. Aber Vorsicht: Das zeigt sich nicht gleich beim ersten Hören. Dieses Stück wächst von Mal zu Mal und zeigt langsam seine volle Größe. Bei „Anywhere“ ist Cohens Stimme nur noch ein düsteres Raunen und das sanfte, anmutige „Different Sides“ sowie das grandiose „Darkness“ machen eindrucksvoll klar, dass dieses zwölfte Album von Leonard Cohen auch ohne Rick Rubin’sche Produktionsfinessen seine volle Wirkung entfalten kann.
Cohen ist ein Mann, der seinen Fans kein abgeklärtes Alterswerk präsentiert. Mit nobler Zurückhaltung und buddhistischer Ruhe erklärt er uns, dass wir dem Lauf der Zeit nichts entgegensetzen können, dass jedes Leben zu Ende geht, irgendwann. Der Poet aus Montreal raunt uns zu, dass die „alten Ideen“ tiefgreifende Einsichten sind, die den Griff der inneren Unruhe, der Angst und Sorge lockern können. Dem 77-jährigen Cohen nimmt man diese Erkenntnis ab, denn ein Mensch in seinem Alter hat einen anderen Blick auf Leben und Tod. Der Kanadier demonstriert auf „Old Ideas“ seine unumstößliche Größe als Künstler und er bedient sich dazu weder irgendeines Trends noch irgendwelcher aktuellen Maßstäbe. Die waren ihm ohnehin während seiner ganzen 60-jährigen Karriere egal. Er erfindet sich mit 77 Jahren nicht neu, sondern wird nur einmal mehr seinen hohen Ansprüchen gerecht.



