31.01.2012
Österreich

„Ich bin ein ziemlicher Zweifler“

Felix Mitterer kommt nicht zur Ruhe: In Telfs feiert er sein Schauspiel-Comeback, für Erl bearbeitet er die Passion, in Rattenberg lässt er Franziskus erscheinen und ein paar Russen wollen endlich aus der Schublade.

Sie sind gerade ins Weinviertel gezogen – wie viel Raum ist in Ihrem neuen Zuhause der Literatur gewidmet?

Felix Mitterer: (lacht) Ehrlich gesagt werden die Bücher wohl die eigentlichen Hausherren werden. Aber vorläufig gibt’s noch keine Regale, alles ist in Kisten verpackt. In 150 bis 200, um genau zu sein – und die warten jetzt darauf, ausgepackt zu werden.

Umzug bedeutet auch Loslassen. Trennen Sie sich schwer von Erinnerungen?

Mitterer: Als ich im Herbst 2010 von Irland nach Wien umgesiedelt bin, musste ich mein ganzes Hab und Gut in zwei Containern unterbringen. Da konnte natürlich nicht alles mit. Und da hab‘ ich nächtelang Lagerfeuer in meinem Garten veranstaltet – ewig alte Post aus Innsbruck, Zeitschriften, Zeitungen, Manuskripte und Drehbücher gingen da in Flammen auf. Für mich war das eine Mischung aus Trauer und Erleichterung. Es ist ja auch befreiend, wenn man Ballast loswird.

Wenn Sie für sich eine Heimat definieren müssten, wo liegt die dann?

Mitterer: Ich bin ein überzeugter Österreicher. Ein Tiroler werde ich sowieso immer bleiben. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und diese engere Heimat prägt einen fürs ganze Leben. Der Umzug ins Waldviertel ist für mich jetzt ein ganz neues Abenteuer, wie es auch Irland damals war – ich hab’ mich ja davor kaum aus Tirol wegbewegt. Und manchmal entdecke ich in Ostösterreich jetzt auch Ähnlichkeiten mit Irland, aber vielleicht bild’ ich mir die nur ein, weil ich der Insel­ doch ein bisserl hinterherweine. Aber nach 15 Jahren Wind, Sturm und Regen ist es auch schön, im Wein zu leben und die Sonne zu spüren.

Im Sommer feiern Sie bei den Tiroler Volksschauspielen im Kafka-Monolog „Ein Bericht für eine Akademie“ Ihr Comeback als Schauspieler. Vom Volksdichter zurück zum Volksschauspieler?

Mitterer: Ich sehe das als einmaligen Ausflug. 1974 bin ich ja nur durch Zufall dazugekommen, weil ich für „Kein Platz für Idioten“ gerade im richtigen Alter war. Das ist dann irgendwie so weitergegangen und so hab’ ich 1983 in Telfs in der Regie vom Dietmar Schönherr im „Weibsteufel“ gespielt und kurz darauf bei Ruth Drexel in München bei „Glaube und Heimat“ mitgewirkt. Als dann plötzlich Filmangebote reingekommen sind, musste ich mich entscheiden, ob ich spielen oder schreiben will. Das Schreiben war mir dann lieber. Auch weil man als Schauspieler oft weg von der Heimat muss, während man als Schriftsteller daheimsitzen kann wie der Bauer auf seinem Hof. Dazu kam noch, dass ich immer ein Laie war. Während ich ewig gebraucht habe, um dorthin zu kommen, wo ich hinwollte, hat einer wie der Hans Brenner das mit links geschafft – aufgrund seiner Erfahrung und seiner Ausbildung. Als Beispiel: Im Hamburger Schauspielhaus hat man mir Anfang der 80er Jahre eine Rolle angeboten. Da musste ich dann zugeben, dass ich nicht einmal g’scheit hochdeutsch spreche. Hätte ich mich wirklich entschlossen, zu spielen, dann hätte ich eine Ausbildung gebraucht.

Was reizt Sie so an der Rolle des Affen Rotpeter?

Mitterer: Ich trage diesen Kafka-Text seit fast 30 Jahren mit mir herum – und immer hab’ ich mir gedacht, dass ich den gern spielen würde. Und das tu ich halt jetzt. Wenn mich in den letzten Jahren jemand gefragt hat, was ich gern für eine Rolle spielen würde, dann hab’ ich immer den Glöckner von Notre Dame ins Spiel gebracht. Aber irgendwie ist dieser Affe, der sich komplett anzupassen versucht, ja eine ähnliche Rolle.

Und wann werden Sie dann zum Glöckner?

Mitterer: Ich glaube, ich bin ein bisserl zu alt, um an einer Glocke herumzuschwingen.

Im Sommer sind Sie auch bei den Schlossbergspielen Rattenberg aktiv, wo unter der Regie von Pepi Pittl Ihr Franziskus-Stück „Der Narr Gottes“ gezeigt wird, das 2008 bei den Volksschauspielen Ötigheim uraufgeführt wurde. Was hat Sie an der Figur des Franz von Assisi­ fasziniert?

Mitterer: Mich haben seine Radikalität und seine Demut gereizt. Franziskus hat der Kirche vorgelebt, was Jesus Christus gefordert hat. Und die Kirche hat das unglaublich schwer vertragen, aber er hat trotzdem nie aufbegehrt oder ketzerische Reden gehalten. Außerdem war er so ein froher Mensch – er ist mir immer vorgekommen wie der Dalai Lama, wie ein Buddhist. Weil er diese naive Fröhlichkeit an den Tag legte, die nur ein Mensch hat, der nichts besitzt und nichts zu verlieren hat.

Inwiefern wird das Stück für Rattenberg umgearbeitet? An der Uraufführung waren ja mehr als 500 Darsteller beteiligt.

Mitterer: Der Pepi und ich haben den Text gekürzt und zusammengezogen. Ich muss auch sagen, dass die Größe von dem Schauplatz in Ötigheim ein gewisser Nachteil für das Stück war. Das hat so eine unglaubliche Opulenz verlangt. Rattenberg wird einfacher und kleiner sein – das entspricht dem Franziskus viel mehr.

Apropos Opulenz: 2013 feiern die Passionsspiele Erl ihr 400-jähriges Bestehen, die Jubiläumspassion wird aus Ihrer Feder stammen. Wie kommen Sie mit dem Schreiben voran?

Mitterer: Das ist eine unglaubliche Herausforderung. Vor allem, weil Markus Plattner (Regisseur, Anm.) und ich Menschen auf die Bühne stellen wollen – und keine Abziehbilder. Unser Jesus soll kein in die Ferne gerückter Heiland sein, sondern ein Mensch. Das wird schwierig, aber wir werden es hinkriegen.

Und wie haben Sie es mit der Religion?

Mitterer: Ich bin wie jeder denkende Mensch ein ziemlicher Zweifler, der in erster Linie dafür ist, dass die Menschen schon auf dieser Welt gerecht behandelt werden und sich nicht auf das Jenseits vertrösten lassen müssen. Die Institution Kirche, also diese Männer mit Röcken, die keine Frauen hineinlassen, sehe ich kritisch. Ich bin aufgewachsen mit einer bäuerlichen Volksfrömmigkeit, die mich als Kind beeindruckt und berührt hat und es bis heute tut. Und wenn ich mich in Not befinde, dann kann’s schon passieren, dass ich ein Stoßgebet spreche.

Wann schicken Sie Kommissar Moritz Eisner im „Tatort“ wieder auf Verbrecherjagd?

Mitterer: Ich bin letztes Jahr wegen des Umzugs nicht zum Schreiben gekommen. Aber für heuer ist fix ein „Tatort“ eingeplant. Die Idee wäre, den Moritz Eisner zum ersten Mal zwischen Nord- und Südtirol ermitteln zu lassen, weil es nun ja auch in Südtirol eine Filmförderung gibt. Deshalb wäre so eine grenzübergreifende Geschichte auch spannend. Angedacht ist, dass noch ein zweiter Kommissar dazukommt, der bei der Quästur in Bozen werkelt.

Und wie ist es um die „Russen-Saga“, die Fortsetzung der „Piefke-Saga“, bestellt?

Mitterer: Ich hab’ ja schon Angst gehabt, dass die Geschichte durch die lange Verzögerung gar nicht mehr aktuell ist. Aber das Gegenteil ist der Fall – in der Zwischenzeit haben sich viele Menschen bei mir gemeldet, die mir von ihren Erfahrungen berichten wollen. Auch Russen. Und das ist für mich als Autor natürlich eine tolle Gelegenheit. Ich will heuer fertig werden, es warten ja alle darauf – wie der Dietrich Mattausch, der den Sattmann gespielt hat, aber auch der Tobias (Moretti, Anm.) und der Gregor (Bloéb, Anm.). Jetzt muss ich wirklich abliefern.

Das Gespräch führte Christiane Fasching

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 31.01.2012
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