01.02.2012
Literatur

Liebesbeweise einer Krake

Erfolgsautor Daniel Glattauer zieht nach seinen E-Mail-Romanen ein neues Register. „Ewig Dein“ ist eine Liebesgeschichte, die sich zum Psychothriller entwickelt.

Von Alexandra Plank

Innsbruck – „Wie bekomme ich einen Mann, wie halte ich ihn, wie werde ich ihn wieder los.“ Mit diesem Buchtitel hat die Hollywood-Diva Zsa Zsa Gabor ein Problem auf den Punkt gebracht, das viele umtreibt.

Dass Letzteres, nämlich das Loswerden, gar nicht so einfach ist, beschreibt Daniel Glattauer in seinem jüngsten Roman „Ewig Dein“. Mittlerweile stößt sich der Frauenversteher, der vor allem mit seinen E-Mail-Romanen „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ über zwei Millionen Bücher verkauft hat, nicht mehr an der Bezeichnung Bestsellerautor. Tatsächlich ist der einstige Journalist Österreichs erfolgreichster Schriftsteller.

In seinem neuen Roman zeigt er allerdings eine ganz andere Facette seines schreiberischen Könnens. Was wie eine Liebesgeschichte beginnt, gleitet in einen Psychothriller ab. Eigentlich hätte es Judith von Anfang an wissen müssen, denn die Begegnung mit Hannes beginnt mit einem stechenden Schmerz. Der Mann, der ein Riesenbündel Bananen einkauft, tritt ihr im Getümmel des Supermarktes auf die Ferse. Fortan taucht er immer wieder zufällig in ihrem Leben auf, er überhäuft sie mit Geschenken. Hannes ist zwar nicht Judiths Typ, die sich in ihrem Singleleben und als Besitzerin eines kleinen Lampengeschäfts gut eingerichtet hat, aber sie verliebt sich dennoch in ihn. Oder sollte man besser sagen, sie ist unersättlich nach seiner Verliebtheit? Sie spiegelt sich in seiner Bewunderung? Hannes wird den Freunden vorgestellt, die ob des eloquenten Unterhalters in Begeisterungsstürme ausbrechen und Judiths Eltern, die ihn gleich als „idealen Schwiegersohn“ adoptieren. Hannes kennt kein Halten mehr, schnell nimmt er Judith die Luft zum Atmen. Sie macht mit ihm Schluss, auf eine Art und Weise, wie schon Tausende Male Menschen in die Wüste geschickt wurden. Er sei zu gut für sie, sie sei für eine Beziehung nicht reif. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Glattauer den Leuten aufs Maul schaut.

Doch Hannes gibt nicht so schnell klein bei. Gruselig wird es, als er seiner Angebeteten mittels einer Abfolge von Rosen, gekoppelt an eine bruchstückhafte, geheime Botschaft, neuerlich seine überbordende Liebe bekundet. Judith hingegen will mit ihm abschließen, doch wie ein Wurm hat sich Hannes längst in ihr Leben eingegraben. Ihre Familie hat er längst in den Sack gesteckt, dem ewig bank­rotten Bruder verschafft er etwa einen Job, die getrennten Eltern nähern sich auf seine Intervention hin wieder an. Auch Judiths Freunde, mit denen er sich weiterhin ohne ihr Wissen trifft, sind auf seiner Seite. Sie reden Judith gut zu, sich wieder mit Hannes zu versöhnen. Zunehmend gerät Judith in die Isolation. Nur ein ehemaliger Liebhaber versteht, dass Hannes in Wahrheit ein Stalker ist und sagt ihr seine Unterstützung zu. Doch auch Judith bekommt Hannes nicht mehr aus ihren Gedanken. Längst hat er sich in ihrem Kopf eingenistet. Wenn er sich einmal nicht meldet, hat sie Angst davor, dass er ihr irgendwo auflauert. Der Geschasste wird omnipräsent in ihrem Leben. Sie beauftragt sogar einen Detektiv, den Freund ihres Lehrmädchens und ihre Verbündete, um den beharrlichen Verehrer beschatten zu lassen. Ihr Leben entgleitet Judith zunehmend, sie gleitet in eine Psychose ab und findet sich in der Psychiatrie wieder. Zu ihren ersten Besuchern zählt Hannes und Judith ist ihm dafür dankbar. Sie redet sich ein, dass er sie wirklich liebt und sie ihm mit seiner Abfuhr Unrecht getan hat. Während Judith in ihrem Wahn dahindämmert, wird Hannes zu ihrem hingebungsvollen Betreuer. Doch schließlich kommt alles ganz anders, als der Leser denkt.

Die überraschenden Wendungen sind es, die Glattauers Romane seit jeher lesenswert machen. Bei „Ewig Dein“ schimmert die Beklemmung, die die Beziehung später beherrschen wird, schon von Anfang an durch. Oder stellt sich dieses Gefühl beim Leser nur deshalb ein, weil der Klappentext beinahe zu viel verrät? Ab der ersten Seite besticht Glattauer mit seinem Wortwitz und seiner Detailverliebtheit, was menschliche Seelenzustände angeht. Die Geschichte scheint aber rasch erzählt zu sein. So etwa nach zwei Dritteln des Romans stellt sich der Leser die Frage, ob der Plot nicht auserzählt ist. Aber wie gesagt, der Schein trügt – Glattauer hat ein Buch geschrieben, das erst in der Gesamtschau seine Genialität preisgibt.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 01.02.2012
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