Der Schrecken einer deutschen Kindheit in der Vorstadt
Von Peter Angerer
Innsbruck – Vielleicht war es der Autor Andreas Maier, der seinem Roman „Das Zimmer“ (2011) nun „Das Haus“ folgen lassen wollte und den Verlag mit der Absicht, eine Serie (elf Bände) von biografischen Romanen abzuliefern, von diesem Titel überzeugen konnte. Bereits 2007 ist Mark Z. Danielewskis ausuferndes und auch typografisch faszinierendes Romanmonster „Das Haus“ erschienen und schöner als in diesen beiden „Haus“-Büchern lassen sich die unterschiedlichen Bau- und Literaturvisionen in Amerika und Deutschland kaum nachlesen. Danielewski lässt sein Haus in der Tradition zwischen Edgar Allen Poe und Stephen King wuchern, denn Häuser sind in der amerikanischen Literatur zuerst ein Platz des Schreckens. Dieser Spur scheint auch der Deutsche Maier auf den ersten Seiten zu folgen. „Unten eine riesige, leere Fläche von Marmorfliesen, die eine große Kühle ausstrahlen. Dann nach rechts die lange Flucht des Ganges. Hinten im Gang ist es ganz lichtlos. Vorne, aber erst in einigem Abstand zu mir im Kinderwagen, die riesige freischwebende Treppe, mit denselben Marmorplatten belegt wie der Boden.“ Wer sich da an die Zeit – 1970 – im Kinderwagen erinnert, ist Andreas, eigentlich „Problemandreas“, denn das Kind verweigert Sprache und Kommunikation. Nach dem ersten Tag im Kindergarten fällt Andreas in eine „Schockstarre“, die ihn vor jedem weiteren Kontakt mit anderen Kindern bewahrt. Das elterliche Haus wurde auf dem weitläufigen Gelände der von der Mutter geführten Steinmetzfirma errichtet. Der Vater arbeitet als Jurist in einem Brauunternehmen. Ihn plagen heftige Migräneanfälle.
Andreas erlebt schon das Aufstehen, das Anziehen der von der Mutter bereitgelegten Kleider, den Weg zur Küche als Folter, denn das Kind kann die von ihm erwartete Rolle nicht spielen. Das gemeinsame Gebet ist eine Lüge und für den Kirchenbesuch droht ihm Verdammnis, denn Andreas kann nicht den von den Gläubigen erwarteten Ernst aufbringen. Komplizierter werden die Dinge mit dem Schulbeginn. Wegen der guten Noten nehmen die Eltern ein großzügiges Fernbleiben vom Unterricht hin und Andreas entdeckt den „Bastelkeller“, wo er „vor sich hin arbeiten“ kann. Auch das Fahrrad ermöglicht Freiheit. „Das Haus“ steht nicht für den Schrecken, sondern für Schutz, der Horror geht von den anderen Menschen aus: „Die Dinge und ich, das war etwas anderes als die Menschen und ich.“ Grandios.
Andreas Maier. Das Haus. Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2011; 165 Seiten, 18,50 Euro.



