06.02.2012
Literatur

Weder ersetzbar noch unersetzlich

Gibt es das Buch der Bücher? Literatur, die alle Fragen der Menschheit aufwirft oder sogar beantwortet? Schriftsteller und Vielleser von Barbara Hundegger bis Gerhard Roth haben Antworten gesucht.

Von Alexandra Plank

Innsbruck – Der Meister der Illusion André Heller empfahl kürzlich in einer Büchersendung das Werk „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi­. Mit dem Nachsatz, wenn jemand sein ganzes Leben nur ein Buch lesen könnte, dann müsste es dieses sein. In Zeiten­, in denen oft spöttisch vom Trend zum Zweitbuch die Rede ist, haben wir Literaten die Selbstbeschränkung auferlegt, das Buch der Bücher zu benennen. Der Schriftsteller Gerhard Roth nennt auf Anhieb eine Vielzahl von Büchern, die er empfehlen könnte. Das reicht von „Ulysses­“ bis zu Konrad Bayers „Der sechste Sinn“. Aber wie gesagt, wir wollen eine Entscheidung. „Ich würde mich wahrscheinlich zwischen der Bibel und Herman Melvilles ,Moby Dick‘ entscheiden. Früher hätte ich ganz sicher ,Moby Dick‘ gewählt, nun aber zögere ich, denn alle diese von mir genannten Bücher liefen offenbar offene Tore in mir ein. Die Bibel hingegen ist das Buch, das mich am meisten herausfordert, dem ich den größten Widerstand entgegensetze und das mich doch nicht in Ruhe lässt ... dem ich widerspreche und das mich in seiner Rätselhaftigkeit immer wieder aufs Neue anzieht.“

Zu einer überraschenden Entscheidung kommt der Autor Arno Geiger: „Im Zweifelsfall verzichtete ich lieber auf alle, denn es ist mit Büchern ja wie mit Menschen: Unersetzlich ist keiner, aber ersetzbar auch keiner.“ Es gebe­ etwas in ihm, das sich dagegen wehre, die Frage nach dem einen und einzigen Buch zu beantworten. Wenn er sage­, „Die toten Seelen“ von Nikolai Gogol, rufe eine innere Stimme: Und was ist mit „Madame Bovary“?­ Und so gehe es im Kreis, weil es letztlich ungerecht sei, ein Buch über alle anderen zu stellen.

Auch Barbara Hundegger erklärt: „Wenn ich in meinem Leben in echt wirklich nur ein Buch lesen könnte, würde ich vermutlich gar keines lesen, nur um mir diese Hölle­ der nicht treffbaren Auswahl zu ersparen. Aber ich soll hier ja eins nennen – also nenn’ ich eben eins aus meinem Kult-Bücher-Schrank.“ Hundegger­ wählt Marlen Haushofers „Die Wand“. Erschienen in dem Jahr, in dem sie geboren wurde – 1963. „Es ist ein ungeheuerliches Werk. In seiner verstörenden Verschränkung von paradiesischem Ausnahmezustand und mörderischem Ernstfall, in seinem literarischen Entwerfen des Nicht-Ortes, der der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft zugewiesen ist“, so Hundegger­. Sie schätzt auch die Zivilisationskritik, die „auf die Basis des Patriarchats zielt“. Das Buch biete ein grandioses Leseerlebnis. „Es ist verdammt gut gemacht und geschrieben, ungeheuer spannend, jedes Detail stimmt, jeder Tonfall, jeder Satz“, schließt Hundegger.

Schriftsteller Norbert Gstrein­ braucht nicht lange, um sich zu entscheiden. Er stimmt ein Loblied auf William­ Faulkners Romane, in denen dieser sein Yoknapatawpha County erschaffen hat und die zusammen ein Roman sind, an: „Sartoris“, „Schall und Wahn“, „Als ich im Sterben lag“ und ein Dutzend weiterer Romane. „Yok­napatawpha“ kommt aus der Indianersprache und bedeutet „Wasser, das durch die Ebene fließt“. Gstrein dazu: „So fließt auch diese Prosa: breit und unaufhaltsam. Ich kenne keine andere Fiktion, die im Anspruch, eine eigene Realität zu erschaffen, weiter geht. Erschaffen durchaus im biblischen Sinn. Eine Welt zu Beginn der Moderne, die weit in eine archaische Vorzeit zurückweist. Die Welten, die auf dieser Welt bauen: Onetti, Vargas Llosa, García Márquez. Ihre Unauslotbarkeit auch nach mehrmaligem Lesen. Die berühmten Faulkner‘schen Unklarheiten als unbedingte Qualität.“

Sabine Gruber nennt ein aktuelles Buch „Ich habe gerade ,Auf ungeheuer dünnem Eis‘, zwanzig Interviews mit W. G. Sebald, zu Ende gelesen, in denen er immer wieder bekennt, dass Schreiben eine auf Aufklärung ausgerichtete, kriminalistische, recherchereiche Tätigkeit ist.“ Man erfahre aber auch einiges über ihn als Person, seine Lektüre­vorlieben und sein ungeschriebenes Werk.

Ein weiterer großer Rechercheur, den Sebald übrigens öfters zitiert, sei Alexander Kluge. „Das fünfte Buch“, soeben erschienen, eine Sammlung von erfundenen und gefundenen Lebensläufen und Geschichten, ein Buch gegen die Herzenskälte, immer mit dem Blick darauf, wofür es sich zu leben lohnt. Es biete kritische Gesellschaftsanalysen, ohne in der Resignation zu verharren. „Keine Enttäuschung brauche den Vorrat an Hoffnung völlig auf, so Kluge unlängst in einem Gespräch“, zitiert Gruber den Autor.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 06.02.2012
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