03.02.2012
Literatur

Dichterin des Schweigens

Die polnische Literaturnobelpreis- trägerin Wislawa Szymborska ist tot.

Warschau, Krakau – Sie war eine Dame – so beschrieb ihr langjähriger Assistent Michal Rusinek im polnischen Fernsehen die am Mittwochabend verstorbene Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska. Und so wie sie lebte, starb die 88-Jährige auch – privat, zurückgezogen und in aller Stille. Auch Krankheit und Schwäche hielten sie bis zuletzt nicht von der Arbeit ab – wann immer es ging, arbeitete sie an neuen Gedichten.

„Sie starb auf die bestmögliche Weise, in ihrer Wohnung, im eigenen Bett“, sagte Rusinek, dessen Aufgabe auch darin bestanden hatte, Szymborska nach dem 1996 verliehenen Literaturnobelpreis Möglichkeiten für den Rückzug ins Private zu sichern. Denn die scheue Dichterin Szymborska mied die Öffentlichkeit, wo sie konnte.

„Ich bin keine kulturelle Institution“, sagte die 1923 in der Nähe von Poznan (Posen) geborene Szymborska vor Jahren in einem ihrer seltenen Interviews. Sie könne sich nicht ständig zeigen und „von acht Uhr morgens bis zehn Uhr in der Nacht reden, reden, reden“. Sie müsse Zeit zum Schweigen haben, denn Poesie entstehe im Schweigen.

Szymborska gehörte nicht zu den Vielschreibern – zwischen den Veröffentlichungen ihrer feinsinnigen und mitunter ironischen Gedichtbände konnten mehrere Jahre vergehen. Für ihre Leser lohnte sich das Warten. Kritiker lobten ihre schnörkellose Sprache und die Unabhängigkeit von künstlerischen Strömungen.

Die zierliche Frau mit den fein geschnittenen Gesichtszügen sagte einmal, sie wisse selbst nicht, warum sie Gedichte schreibe. „Nur für einen Augenblick bin ich hier“, schrieb sie in ihrer „Reiseelegie“ über die eigene Vergänglichkeit. Krakau war seit vielen Jahrzehnten die Wahlheimat Szymborskas, die in der alten Königsstadt Literatur und Soziologie studiert hatte. Ihr erster Gedichtband „Deshalb leben wir“ im Jahr 1952 entsprach noch ganz dem Literaturverständnis des „sozialistischen Realismus“. Doch schon das 1962 erschienene Gedichtbuch „Salz“ begründete ihren Ruf als führende polnische Lyrikerin.

Der polnische Kulturminister Bogdan Zdrojewski hob Szymborskas Bescheidenheit und ihr Drängen auf Privatsphäre hervor. „Sie hatte Tiefe und war authentisch, weigerte sich, eine Prominente zu sein.“ Es passe zu der auf Zurückhaltung bedachten Dichterin, dass sie ihr Leben in zwei Abschnitte geteilt habe: „vor der Nobel-Tragödie und nach der Nobel-Tragödie“. Für den Vorsitzenden des polnischen PEN-Clubs, Adam Pomorski, ist der Tod Szymborskas der Verlust eines „hellen Sterns unserer Wirklichkeit“. (dpa)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Fr, 03.02.2012
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