Das Leben kann ein Fest sein
Herr Poppen, Verdis „Falstaff“ ist etwas ganz Besonderes. Auch für Sie?
Christoph Poppen: Es ist ein absolutes Meisterwerk, ein wunderbares Spätwerk, Verdis gesamte Lebens- und Kompositionsmeisterschaft floss da hinein. Im Grunde Verdis einzige Komödie, mit so viel Liebe, Charme, Niveau und Esprit und gleichzeitig wie bei allen Shakespeare-Komödien mit tragischem Untergrund. „Falstaff“ ist reine Freude und gibt sehr viel Energie zurück.
Die Oper endet mit der Fuge über den Worten „Tutto nel mondo è burla, l‘uom è nato burlone“ – „Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch als Narr geboren“.
Poppen: Dieses Finale ist ein großes Verzeihen, das von Falstaff ausgeht: Wir haben uns viel vorzuwerfen, doch das Leben ist ein Spiel und kostbar. Wir überspringen, was wir uns angetan haben und feiern ein großes Fest. Es ist kein Zufall, dass Falstaff die Fuge anstimmt, nacheinander fallen alle ein. An dieser Stelle wird er zum Vorbild, von ihm können wir lernen.
Ein weises Ende.
Poppen: Ein vielfältiges Stück von Intrigen, die Falstaff eröffnet und die die anderen gemein, sogar sadistisch erwidern. Am Ende haben alle Herren außer Fenton den Kürzeren gezogen. Aber Falstaff übergeht das. Dass es kein desolates Ende wird, ist ihm und auch Ford, dem Mann von Alice, zu verdanken. Sie begreifen, dass das Leben ein Fest sein kann.
Wenn Sie eine völlig andere Auffassung von der Shakespeare-Figur des Falstaff hätten als die Regisseurin Brigitte Fassbaender, könnte das problematisch werden.
Poppen: Es ist ja nicht unsere erste Zusammenarbeit. Frau Fassbaender und mich verbindet eine geistige Verwandtschaft, wir haben kein Problem, aufeinander einzugehen. Es war zu erwarten, dass sie weg vom Klischee geht, eine originelle neue Sichtweise und keinen Falstaff mit roten Bäckchen zeigt und ich bin mit ihrer Sichtweise voll auf einer Linie. Es ist ja grundsätzlich so, dass man sich mit dem Konzept des Regisseurs identifizieren muss, sonst muss man die Zusammenarbeit ablehnen.
Gibt es Humor in der Musik?
Poppen: Allerdings, und gerade in „Falstaff“! Er ist durchgehend präsent, auch in den tragischen Szenen. Man muss die Leichtigkeit und Spritzigkeit erreichen, die in der Partitur steht – Verdi schreibt ganz genau, was er will. Es gibt viel Piano und immer wieder ist das Lachen im Orchester illustriert.
Für alle ein schwieriges Stück. Wie kann es musikalisch gelingen?
Poppen: Indem man hörbar macht, was in der Partitur steht. Alles macht Sinn. Es ist technisch schwierig für das Orchester und für die Sänger höchst virtuos, es braucht viel Präzision. Die Oper wirkt wie ein freies Lustspiel, aber diese Freiheit muss rhythmisch klar definiert sein. Alles ist haargenau festgelegt, vom Timing her hat auch die Regie nicht viel Freiraum, doch das passt zum Unentrinnbaren dieses Stücks.
Eigentlich verrückt: Innerhalb von neun Tagen bewältigen Orchester, Sänger und Chor Wagners „Lohengrin“, Poulencs „Dialogues des Carmélites“, Mozarts „Idomeneo“, Lehárs „Lustige Witwe“, die intensiven Endproben zu Verdis „Falstaff“ und Sonntag die Premiere.
Poppen: Die stilistische Bandbreite in diesem Haus stellt hohe Anforderungen. Trotzdem konnten wir uns stark auf „Falstaff“ konzentrieren. Und er ist wunderbar besetzt.
Als Sie 2010 in Innsbruck die herrliche „Arabella“-Produktion dirigierten, wünschten Sie sich, mehr Oper machen zu können.
Poppen: Das kann ich jetzt, ich bin seit Sommer 2011 frei.
Sie leiteten zuletzt bis 2011 die Deutsche Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, gab es eine Zusammenarbeit mit Johannes Reitmeier, dem amtierenden Intendanten des Pfalztheaters Kaiserslautern und designierten Intendanten des Tiroler Landestheaters?
Poppen: Nein, das Theater von Kaiserslautern hat ein eigenes Orchester.
Was steht für Sie an in den nächsten Monaten?
Poppen: Die Wiederaufnahme der „Zauberflöte“ an der Oper Frankfurt, in Essen eine Neuinszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“, in Stuttgart eine Oper von Gluck und viele Konzerte: im Februar mit dem Danish National Symphony Orchestra und dem wunderbaren Pianisten Marc André Hamelin in Kopenhagen, dann mit der Deutschen Radio Philharmonie, den Stuttgarter Philharmonikern und im April ein Konzert mit den Wiener Symphonikern.
Da wird ihre Frau Juliane Banse Lieder von Charles Koechlin singen.
Sie bewältigt heuer ein immenses Pensum an Opern- und Konzertauftritten, dabei wurde erst im Sommer 2011 euer drittes Kind, Tochter Nuria, geboren. Wie alt ist sie jetzt?
Poppen: Acht Monate und das reine Glück.
Das Gespräch führte Ursula Strohal



