04.02.2012
International

Ex-Beatle Paul swingt sich in seine Kindheit

Von Cornelia Ritzer

Wien – Wer Paul McCartney sagt, muss wohl unweigerlich an die Beatles denken – auch wenn sich die Band schon vor über 40 Jahren getrennt hat. All jenen, denen diese Assoziation ein schlechtes Gewissen macht, sei versichert: Der zum Sir geadelte Künstler spricht die Pilzköpfe selbst an. Im Interview zum neuen Album „Kisses on the Bottom“ (Universal), das im CD-Booklet abgedruckt ist, fällt auch mehrmals der Name John Lennon, mit dem McCartney die Liebe zum Jazz- und Swingrepertoire der 50er teilte – ein wichtiger Grundstein zum gemeinsamen Schreiben von Musik und für die Beatles, die ab den 60er Jahren sowohl Pop- als auch Rockmusik revolutionierten und nachhaltig die Musikgeschichte beeinflussten.

Ins zerbombte Liverpool der Nachkriegszeit führt uns also „Kisses on the Bottom“. Sein Vater habe sich bei Familienfeiern ans Klavier gesetzt, erzählt der Musiker, und spielte und sang Klassiker von George Gershwin, Cole Porter oder Frank Sinatra. US-amerikanischer Jazz und Swing, zu deren positiven Sound der kleine Paul staunte – und lernte. Neben den sentimental-zärtlichen Oldies wie „Bye Bye Blackbird“ oder „It‘s only a Paper Moon“, die neu interpretiert werden, sind auch zwei Neukompositionen auf „Kisses on the Bottom“ zu finden. „Valentine“ ist ein bittersüßes Liebeslied, das sich erstaunlich gut in die Interpretationen der Songs, die teilweise ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben, einfügt. Das Stück sei während einer Marokko-Reise mit Ehefrau Nancy entstanden, erzählt der Ex-Beatle, und zwar in nur einer halben Stunde, in der er am Klavier in der Hotellobby klimperte, während es draußen regnete. Simpel und eingängig, „My Valentine“­ fällt jedoch auch wegen des Gitarrenspiels von Eric Clapton auf. Auch auf „Only Our Hearts“, dem zweiten Song aus McCartneys Feder, hat er prominente Begleitung – an der Mundharmonika ist Stevie Wonder zu hören.

Paul McCartney schrammt mit seinen wohlklingenden Wohlfühlsongs nur knapp am Kitsch vorbei, das Projekt hat aber trotzdem Respekt verdient. Schön, den Musiker so entspannt zu hören.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 04.02.2012
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