08.02.2012
Österreich

Hohepriester der Opulenz

Malerei als rituelle Handlung: Hermann Nitsch zeigt bei Thoman modern erstmals seine Werkgruppe „Levitikus“, eine Auseinandersetzung mit dem dritten Buch Mose.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Während das Wiener Leopold Museum derzeit in der sehenswerten Ausstellung „Strukturen“ (verlängert übrigens bis 9. April) sozusagen Grundlagenforschung betreibt und mit Architekturzeichnungen, Skizzen und Partituren von Hermann Nitsch dessen zeichnerisches und grafisches Werk umfassend beleuchtet, bekommt man bei Thoman modern einmal mehr den rituellen wie auch spirituellen Maler Nitsch serviert. Was nicht weniger sehenswert ist: „Levitikus“ nennt sich eine der jüngsten, hier erstmals präsentierten Werkgruppen des Künstlers, sie ist eine Auseinandersetzung mit dem dritten Buch Mose („Levitikus“), sowohl Teil der jüdischen Tora als auch der christlichen Bibel. Opfergesetze, Reinheitsvorschriften und Gebote für den Priesterdienst finden sich darin, im Wesentlichen aber freilich auch Fragen über das Verhältnis zwischen Judaismus und Christentum und das Religiöse an sich.

Als Maler mag es der 1938 geborene Schöpfer des Orgien-Mysterien-Theaters üppig, das zeigt sich nebenbei auch an den von ihm ausgesuchten Requisiten – dicken Tulpensträußen, die in Zinkkübeln verblühen –, zuvorderst aber an den zwölf „Levitikus“-Schüttbildern: Tiefrot getränkte, pastose, mit Händen wie auch Füßen bearbeitete Werke, die nicht zuletzt auch Nitschs Verständnis vom malerischen Schaffensprozess als rituelle Erfahrung ausdrücken. Drucke, ebenfalls zwölf an der Zahl, ergänzen den Zyklus: Die Terragraphien im Format 134 mal 98 sind außerdem zusammen mit dem hebräischen Originaltext und der deutschen Übersetzung des „Levitikus“ zu einem Prunkstück der Schau gebunden: einem schwergewichtigen, sowohl ob seiner Größe als auch ob seiner Ausführung imposanten Buch, das man durchaus als eine Art Bibel der Kunst des Hermann Nitsch lesen könnte.

Ergänzt wird die in Zusammenarbeit mit der Wiener Nitsch Foundation entstandene Ausstellung durch Malereien und Schüttbilder aus den Jahren 2002 bis 2011, darunter etwa auch eine von Nitschs Arbeiten mit liturgischen Gewändern.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 08.02.2012
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