19.05.2012
Film und TV

Erfreuliches vom Nahen Osten

Zwischen Satire und bittersüßer Romanze: Lasse Hallströms „Lachsfischen im Jemen“.

Von Peter Angerer

Innsbruck – Der Drehbuchautor Simon Beaufoy hat sich auf die Adaption literarischer Vorlagen spezialisiert. Für Danny Boyle schrieb er „Slumdog Millionaire“ (2008) und wurde für die märchenhafte Verdichtung der Lebensbedingungen in indischen Elendsvierteln mit einem Oscar belohnt. Handwerklich schwieriger war anschließend wieder ein Auftrag von Danny Boyle, ein Bergsteigerbuch in ein packendes Einpersonenstück zu verwandeln. „127 Hours” (2010) war ein dramaturgisches Meisterwerk über einen Kletterer, der sich aus einer Felsenfalle nur befreien konnte, indem er sich den Arm abschneidet. Paul Tordays 2006 erschienener Bestseller „Lachsfischen im Jemen“ hätte wieder eine schrille Satirevorlage für das Team Boyle/Beaufoy sein können, doch die Rechte gingen an den Produzenten Paul Webster, der in dem Roman aus Memos, E-Mailverkehr und Tagebuchaufzeichnungen nicht die politischen Verstrickungen und den satirischen Abgesang auf das System Tony Blair, sondern nur romantische Verwicklungen las. „Satire”, sagt der Produzent, „ist ein schwieriges Genre, sie gehört eigentlich in die Zeitung, auf die Bühne oder ins Fernsehen, aber sie funktioniert selten auf der Kinolein­wand.“ Jedenfalls engagierte er zu Simon Beaufoy auch den Romantikspezialisten Lasse Hallström, der in seinen Filmen („Chocolat“) weder Augen noch Ohren mit Kon- fliktstoff belasten möchte.

In einer verwirrenden Welt aus Gewalt und Hass sind gute Nachrichten rar geworden. Besonders die Botschaften aus dem Nahen Osten kratzen am Image des englischen Premierministers. Da könnte beispielsweise ein Foto des Politikers mit Angelrute an einem Fischteich im Jemen auf den Titelseiten beruhigend wirken und von Kriegsberichten ablenken. Die zynische PR-Beraterin Patricia Maxwell (Kristin Scott Thomas) hat diesen Coup entworfen. Scheich Muhammad Tihama (Amr Waked) ist ein begeisterter Fliegenfischer, der schottische Lachse im Wüstenstaat ansiedeln möchte. Gegen dieses Projekt stellt sich Dr. Alfred Jones (Ewan McGregor), der nicht nur eine wegweisende Arbeit über die Lachszucht veröffentlicht hat, sondern auch im Landwirtschaftsministerium für alle Fischereibelange zuständig ist. Aber da gibt es ökonomische Abhängigkeiten wie Hypothekenzinsen und die Londoner Immobilienmaklerin des Scheichs in der Person von Harriet Chetwode-Talbot (Emily Blunt), die demnächst einen Afghanistan-Kriegshelden heiraten wird. Der britische Lachsforscher und der arabische Scheich finden Gemeinsames in ihrer Leidenschaft für das Fliegenfischen. Dieser Passion kann sich auch die ambitionierte Geschäftsfrau nicht entziehen, weshalb sich der Kriegsheld diskret zurückzieht. Anonyme Terroristen jagen zwar einmal die jemenitische Lachsanlage in die Luft, doch die neuen, bittersüßen Erkenntnisse über das Fischen bleiben.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 19.05.2012
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