Gralsritter und Totengräber
Von Ursula Strohal
Erl – Noch ist der Orchesterhügel leer, ein junger Dirigent und eine Pianistin sind die Wegweiser. Vollkehlig lässt sich der Chor hören, das Liebespaar deutet an. Gustav Kuhn, wie gewohnt Dirigent und Regisseur in Personalunion, lässt im Erler Passionsspielhaus vom Regiepult aus weite Strecken der Oper durchspielen, lobt, rückt Details zurecht, prüft Perspektiven. Und hütet seine Überraschungen.
Klavierhauptprobe der Neuinszenierung von Richard Wagners „Lohengrin“ wie üblich im Durchlauf, Dekoration, Beleuchtung und Kostüme sind fertig. Ein Regenguss samt Hagelschlag hat am späten Nachmittag die unerträgliche Hitze gebrochen, nicht aber Elsas Neugier. Die junge Frau will wissen, mit wem sie die Hochzeitsnacht verbringt. Lohengrins Clan, die christliche Männerrunde um den Gral, ist anderer Meinung und zieht den Bräutigam nach der Identitätsfrage ziemlich unchristlich wieder ab. Immerhin erklärt er, wer er ist: als Sohn Parsifals ebenfalls Gralsritter. Da nimmt der Tenor Fahrt auf und singt eine herrliche Gralserzählung. Ales Briscein wird auch bei der Premiere am Freitag den Lohengrin singen, Susanne Geb die Elsa, Oskar Hillebrandt den Telramund, Mona Somm die Ortrud. Es folgen Aufführungen am 20. und 28. (ausverkauft) Juli.
Lohengrins Schwan ist derselbe wie aus „Parsifal“, und auch diese letzte Oper Wagners, in der der erlösungssüchtige Komponist erneut auf den Gralsmythos zurückgriff, ist bei den aktuellen Tiroler Festspielen Erl wieder zu sehen – in einer Matinee am 29. Juli. Weitere Wiederaufnahmen gelten Wagners „Tristan und Isolde“ (14. Juli) und „Tannhäuser“ (27. Juli, ausverkauft). Mit „Tosca“ wird am 21. Juli in reduzierter szenischer Fassung erstmals eine Puccini-Oper im Passionsspielhaus aufgeführt.
Erst wird aber morgen im Passionsspielhaus eröffnet. Nach den Reden dirigiert Gustav Kuhn Anton Bruckners tieflotende Fünfte Symphonie. Zuvor das Auftragswerk der Festspiele, ein Konzertstück für Alphorn, Orgel und Orchester von Tristan Schulze. An der Kombination von Alphorn und Orgel, sagt der 48-jährige deutsche Komponist, habe ihn gereizt, dass beide Instrumente durch Luft zum Klingen gebracht werden.
Das zweite Auftragswerk komponierte der 36-jährige Italiener Girolamo Deraco. „Fragmenta Sanctorum“ für Sopran, Bariton, Harfe und Klavier wird am 16. Juli in der Pfarrkirche Erl aufgeführt. Dort ist drei Wochen lang die Kammermusik zu Hause, geteilt in sehr beachtenswerte, von erstklassigen Musikern gestaltete Zyklen. Montags Kammermusik, dienstags die erweiterte Klavierreihe von Davide Cabassi, mittwochs Liederabende mit Werken von Schubert, Strauss, Wolf, Berg, Mahler, Gershwin u. a. Am Donnerstag lieben die Fans die besonderen Programme im Gasthof Blaue Quelle. Heuer mit der Hausmusik Wieser und dem Erler Vierg’sang, Quadrat:sch, der Sopranistin Leonora del Rio, dem Schauspieler Philipp Maria Krenn und Pianisten.
Identitätsstiftend wirkt jährlich Ludwig van Beethovens Neunte Symphonie (7. Juli), für Carl Orffs „Carmina burana“ (13. Juli) gibt es schon lang keine Karten mehr. Das Haydn-Orchester Bozen-Trient bringt unter Rinaldo Alessandrinis Dirigat Barockes von Bach und Händel sowie Mozart und eine Uraufführung von Giorgio Battistelli ins klassisch-romantische Erler Spiel. Und die Musikbanda Franui sollte man sich am 15. Juli – also noch vor ihren vielen Auftritten bei den Salzburger Festspielen – mit ihrer „Musik für Totengräber“ nicht entgehen lassen.



