Das Problem mit dem Boss
Innsbruck – „Handwritten“, das klingt nach Poesie, als ob jemand schüchtern zu zarter Musik singen würde. Weit gefehlt, das wäre nichts für The Gaslight Anthem. Die hauen richtig rein, auch wenn der Titel ihres neuen Albums etwas anderes vermuten lässt. Der Name bezieht sich darauf, dass Bandleader Brian Fallon alle Texte der neuen Songs in sein Notizbüchlein gekritzelt und Hunderte von Seiten mit Gedanken und Geschichten gefüllt hat. Es sind seine bisher persönlichsten Lyrics, weil sie keine fiktiven Charaktere oder erfundenen Situationen mehr behandeln. Nachdem er sich in die Poesie von T. S. Eliot vertieft hat, wurde er selbst zum Poeten. Die Musik, die diese Texte begleitet, ist rockig und riecht nach Schweiß. Größe Töne für große Bühnen.
Ganz wie das Vorbild der Band, der Held des amerikanischen Rock – der Boss. Hemdsärmelig, bodenständig und kumpelhaft ist die Attitüde, hymnenhaft kommen die Songs daher. Die sind aus dem gleichen Holz, die Anthems und der Springsteen. Deshalb tauchen sie auch immer wieder gegenseitig bei Konzerten auf, wie z. B. der Boss, der vergangenen Dezember in der Asbury Park Convention Hall in ihrer Heimat bei einer Show von The Gaslight Anthem zu ihnen auf die Bühne kam. Da muss die Luft gebrannt haben, denn diese Show markiert einen Wendepunkt in der Entwicklung der Band. Danach brachen sie gewissermaßen zu neuen Ufern auf, denn der Erfolg des Albums „The ‘59 Sound“ schien die Band zu lähmen. Sie musste sich also erstmal auf sich selbst besinnen und ihren eigenen Weg finden.
Mit „Handwritten“ wirken The Gaslight Anthem selbstbewusster und selbstständiger. Das mag auch an der astreinen Produktion von Brendan O’Brian liegen, der schon Alben von Pearl Jam den perfekten Schliff verpasste. (sbn)
aktualisiert: Fr, 27.07.2012 01:01



