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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 25.01.2013

Vielleicht ein Monster

Heitere Höllenfahrt: Michael Köhlmeier hat mit „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ einen Schelmenroman mit einer herrlich halbseidenen Hauptfigur geschrieben.

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Von Joachim Leitner

Innsbruck – In einem Schelmenroman wird der Held für die Untaten, die er begeht, nicht zur Verantwortung gezogen und geht am Schrecken, den er erfährt, nicht zugrunde. Vielmehr spiegelt sich im persönlichen Auf und Ab des Schelmen ungleich Allgemeineres: Nicht sein Schicksal interessiert, „sondern das seiner Zeit, womit alle Menschen gemeint sind – außer ihm“. So jedenfalls erklärt Michael Köhlmeier das traditionsreiche Genre in seinem neuen Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“, der am Montag erscheint. Seine Hauptfigur will nichts von solchen Gattungskonventionen wissen und verwehrt sich gegen eine solche Lesart der ihm angedichteten Biografie. Dieser Joel Spazierer, der eigentlich András Fülöp heißt und es mit Namen sowieso nicht so genau nimmt, will nicht als Exempel missbraucht werden. Vor allem aber möchte er „nicht für andere herhalten“.

Doch auch wenn sich seine Hauptfigur dagegen wehrt, Michael Köhlmeier hat Joel Spazierer zum Zentrum eines opulenten Schelmenromans gemacht. Auf 650 Seiten fabuliert sich Köhlmeier durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Zeit also, die gern als Erfolgsgeschichte überliefert wird, in der das bestialische Schlachten des Krieges überwunden wurde und die Bestie Mensch, von wundersam wachsender Wirtschaftskraft betäubt, aufging in selbstgerechter Zurfriedenheit.

Köhlmeier aber erzählt im Gewand einer heiteren Höllenfahrt eine Geschichte der Ernüchterung, in der vermeintliche Wahrheiten brüchig und moralische Kategorien austauschbar werden. Er lässt András im Budapest der späten 1940er-Jahre auf die Welt kommen und die finale Phase stalinistischen Wahns erleben. Auf Geheiß Moskaus werden auch in Ungarn Ärzte verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Der Vorwurf: Sie würden hohen Parteifunktionären nach dem Leben trachten, unter dem Vorwand ärztlicher Eingriffe Mordanschläge verüben. András‘ Großvater wird abgeholt, wenig später auch seine Großmutter. Der Vierjährige bleibt in der verwaisten Wohnung, lebt mehrere Tage allein. Irgendwann wird er ausgehungert gefunden. Doch die Erinnerung an seine zeit- und menschenlosen Tage wird er nie mehr los. Entgegen der Expertenmeinung verdrängt der Junge nicht das Extrem, sondern alles, was davor war. Fortan entwickelt sich András zu einer herrlich halbseidenen Figur: „Ich besaß nie den Ehrgeiz, ein guter Mensch zu werden“, sagt er selbst und: „Vielleicht bin ich nur ein Monster.“

Auf den ersten Blick ist dieses Monster ein ziemlich sympathischer Zeitgenosse, durchaus charmant, vielfältig interessiert und überaus höflich. Erst ein Blick hinter die Fassade macht Monströses sichtbar: Als Neunjähriger – inzwischen lebt die Familie in Wien – verdingt András sich als Stricher, später versucht er sich als Erpresser, entwickelt sich zum Hochstapler und begnadeten Lügner. Mit siebzehn ermordet er die Mutter eines Bekannten und wandert in den Knast. Dort mordet er weiter und wird trotzdem irgendwann entlassen. Unter dem Namen Joel Spazierer verschlägt es ihn daraufhin in verschiedenste Weltgegenden. Ausgerechnet die spießigen Salonsozialisten der DDR verleihen dem Unhold sogar akademische Ehren und machen ihn zum Uni-Dozenten für wissenschaftlichen Atheismus. Ein Fachgebiet, in dem er sich auskennt, schließlich hat er Jahre früher den Schöpfer persönlich gesprochen – auf einer Straße im Licht einer Laterne.

Köhlmeiers Roman ist voll von solchen Episoden, zeithistorischen Exkursen und bisweilen abseitigen Betrachtungen. „Es sei durchaus erlaubt abzuschweifen, ein Buch sei ein mäandernder Fluss und kein Kanal“, lässt er den Schriftsteller Sebastian Lukasser – ein Alter Ego Köhlmeiers, das bereits in den Romanen „Abendland“ (2007) und „Madalyn“ (2010) tragende Rollen spielte – an einer Stelle sagen.

Genau so ein Buch hat Michael Köhlmeier mit „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ vorgelegt: Einen elegant formulierten und zügellos kombinierten Mix aus Krimi, satirisch zugespitztem Sittengemälde und großem Geschichtspanorama, dessen zahllose Klein- und Kleinst­erzählungen mühelos zwischen Komik und Grausamkeit changieren.

Einzig dem etwas zu eindeutig als Kunstfigur angelegten Protagonisten fehlt es manchmal an Blut. Dann verkommt er zum sprachmächtig in Szene gesetzten Exempel. Aber dass das in der Natur des Schelmenromans liegt, hätte der unverfrorene Herr Spazierer seinem Autor ja sagen können.

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