Wenn Verdis Traviata als Partygirl schwächelt
Von Stefan Musil
Wien – Giuseppe Verdi und seinem 200. Geburtstag 2013 haben sich die Wiener Festwochen aktuell besonders verschrieben. Die Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens konnte bis dato jedoch aus künstlerischer Sicht noch nicht bewiesen werden. Weder mit dem „Rigoletto“ im letzten Jahr noch mit der soeben im Theater an der Wien aus der Taufe gehobenen „La Traviata“. Mit einem neuen „Troubadour“ soll diese Verdi-Trilogie 2013 abgeschlossen werden. Man darf gespannt sein.
Für die „Traviata“ hat man die britische Theater- und Opernregisseurin Deborah Warner engagiert. Sie hat vor einigen Jahren mit Purcells „Dido and Aeneas“ bei den Festwochen überzeugt. Bei der „Traviata“ fiel die Sache enttäuschender aus. Als ihr Festwochen-Musikdirektor Stéphane Lissner diese Arbeit anbot, „war ich gleichermaßen belustigt und entsetzt. Meine erste Reaktion war, mich dem Projekt zu entziehen“, schreibt die Regisseurin im Programmheft zur Neuproduktion. Sie hätte zu- und ab- und dann wieder zugesagt. Am Ende hat es ihr aber doch großes Vergnügen bereitet, ein so bekanntes Werk zu inszenieren, sich quasi als Archäologe auf eine solche „Ausgrabung“ einzulassen. Neues hat sie dennoch nicht zu Tage gefördert. Ihre Regie in einem heutigen Ambiente wirkt eher naiv, wenig ambitioniert und erstaunlich brav.
Sie beginnt mit einem Rückblick: Zum Vorspiel wird ein Krankenzimmer desinfiziert. Man ist dankbar für diesen Hinweis, denn kurz darauf sieht man Violetta, ganz flottes Partygirl, auf einem Fest mit ihren Freunden feiern, Champagner ausschenken und über weiße Sofas turnen. Auf einem Berg aus Kissen räkelt sie sich mit ihrem Alfredo im zweiten Bild, vor einem flackernden Kamin und einem verschneiten Wald im Hintergrund, und genießt das biedere Glück in ebenso biederer Inszenierung. Nur auf dem Fest bei Flora, wo der einstige Geliebte die Titelheldin demütigt, findet auch Warner zu einigen überzeugenderen Momenten. Am Ende schaut man wieder in das leere Krankenzimmer des Beginns. Hier liegt die plötzlich sterbende Violetta im Spitalsbett. Man nähert sich ihr nur mit Mundschutz. Ähnlich schwächelnd fällt dann auch der musikalische Teil des Abends aus.
Die Sopranistin Irina Lungu gibt zwar eine junge, hübsche, sympathische Titelheldin. Auch ihre Koloraturen singt sie tapfer und liefert insgesamt eine solide gesangliche Leistung ab. Dennoch hat sie zu wenige Stimmfarben aufzubieten, ist zu eindimensional und berührt nur selten. Saimir Pirgu gibt einen feinen Alfredo, wirkt jedoch darstellerisch von der Regie alleingelassen. Als sein Vater besitzt Gabriele Viviani durchaus vielversprechendes Baritonmaterial, das er allerdings viel zu grobschlächtig und laut einsetzt. Der Arnold Schoenberg Chor macht seine Sache wie immer sehr gut, während die übrigen Nebenrollen durchgehend schwach besetzt sind.
Auch der Dirigent des Abends, der junge Omer Meir Wellber, rettet die Sache nicht. Im Gegenteil, er verliert sich in Extremen, ohne den Sinn dafür beweisen zu können. Völlig überzogene Tempi, sowohl im schnellen als auch im langsamen Bereich, nehmen der Sache die Spannung. Er führt das ORF Radio-Symphonieorchester Wien hart und unflexibel, fern von subtil federndem Verdi-Klang, und lässt es gerne laut knallen. Ebenso funktioniert die Koordination mit der Bühne nicht immer reibungslos. Auch wenn das Publikum sich am Ende die Festwochen-Stimmung nicht verderben lassen wollte und laut jubelte, eine Bereicherung für das kommende Verdi-Jahr ist diese „La Traviata“ nicht.
aktualisiert: So, 03.06.2012 02:01


In SPÖ rumort es weiter, FPÖ ist gespalten

