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Architektur

Star-Architekt, Kommunist und Komponist - Oscar Niemeyer ist tot

Die Architektur-Welt trauert um einen ihrer ganz Großen: Der Brasilianer Oscar Niemeyer ist tot, gestorben im Alter von 104 Jahren. Im Bundesstaat Rio de Janeiro gilt drei Tage Staatstrauer.

Rio de Janeiro – Seiner politischen Überzeugung ist der Jahrhundert-Architekt Oscar Niemeyer stets treu geblieben. Der Brasilianer war Kommunist und Fürsprecher der Armen, von denen es in Brasilien - Aufschwung her, Aufschwung hin - noch sehr viele gibt. Der Mann, der Brasília am Reißbrett entwarf und das UN-Hauptgebäude in New York mitplante, war immer vielseitig und umtriebig. Er zeichnete und entwarf und erfand sich dabei auch in hohem Alter immer neu, etwa als Samba-Komponist. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten starb Niemeyer heute im Alter von 104 Jahren in Rio de Janeiro. Er starb zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro. Der Tod sei am Mittwoch um 21.55 Uhr (Ortszeit) eingetreten, wie das Samaritano-Hospital in Rios Stadtteil Botafogo auf Anfrage bestätigte. Niemeyer lag zuletzt im künstlichen Koma und wurden nur noch mit Hilfe von Geräten am Leben gehalten.

Tod seiner Tochter im Juni setzte Niemeyer zu

Der Star-Architekt musste in den vergangenen Jahren immer wieder im Krankenhaus behandelt werden. Zugesetzt hatte ihm auch der Tod seiner einzigen Tochter, Anna Maria Niemeyer, die im Juni 2012 im Alter von 82 Jahren verstarb. Bis ins hohe Alter arbeitete der Architekt in seinem Büro an der Copacabana in Rio. Er war prägend mitbeteiligt am Entwurf des UN-Gebäudes in New York und schuf auch die Zentrale der Kommunistischen Partei Frankreichs in Paris.

Als einen herben Rückschlag empfand Niemeyer 2011 die Nachricht über die Schließung des von ihm errichteten Kulturzentrums in der nordspanischen Stadt Avilés, das er einmal als sein „liebstes Projekt“ beschrieb. Niemeyers Bauten sind vor allem für ihre geschwungenen Kurven und großzügige Raumgestaltung bekannt. In Rio de Janeiro entwarf er auch das weltbekannte Sambódromo, durch das jährlich die Samba-Schulen defilieren und das auch zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio genutzt werden soll.

Kurz vor seinem 104. Geburtstag im Dezember 2011 hatte er in einem Interview erklärt: „Ich habe noch eine gute Gesundheit und einen fast jugendlichen Enthusiasmus für das architektonische Schaffen. Das belebt mich sehr.“ Doch schon 2011 und auch 2012 musste er mehrmals im Krankenhaus behandelt werden, unter anderem wegen Lungenentzündung und Dehydrierung. Die letzten Jahre wurde Niemeyer stets von seiner zweiten Ehefrau Vera Lucia begleitet. Er hatte sie 2006 geheiratet, zwei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau Anita Baldi, mit der er 76 Jahre lang verheiratet war.

Architekt, der „die Berge Rios in den Augen hat“

Als Architekt hatte Niemeyer Weltruf. Viele seiner spektakulärsten Bauten stehen in Brasilien. Bekannt sind vor allem die futuristischen Gebäude Brasílias. Er entwarf aber auch in Italien, Spanien, Frankreich, Israel und vielen anderen Ländern rund um die Erde. Der Mann, der die geschwungenen Kurven liebt und nach Worten des französischen Star-Architekten Le Corbusier die Berge Rios in den Augen hat, wurde am 15. Dezember 1907 als eines von sechs Kindern eines deutschstämmigen Kaufmanns in Rio geboren.

Nach dem Architektur-Studium begann durch die Zusammenarbeit mit seinen Vorbildern Lucio Costa und Le Corbusier der Aufstieg. Nachdem er 1943 mit dem Bildungs- und Gesundheitsministerium in Rio internationales Renommee erlangt hatte, war er 1947 prägend am Entwurf des UN-Gebäudes in New York am East River beteiligt. Dann folgte Ende der 50er-Jahre die Hauptstadt Brasília, die er gemeinsam mit Lucio Costa schuf. In Deutschland baute er ein Wohnhaus für das Hansaviertel in Berlin (1957). Während der Militärdiktatur (1964-1985) wurde Niemeyer in Brasilien verfolgt und mit einem Arbeitsverbot belegt.

„Den Menschen überraschen“

Die meisten seiner Werke sind vom großzügigen Umgang mit Räumen und Flächen geprägt. Stets kommt sich der Betrachter klein vor. Eine zentrale Botschaft Niemeyers lautet: „Den Menschen überraschen.“ Vor allem die Ärmeren sollten staunend vor den Werken stehen und so in Genuss von Architekturfreuden kommen. „Die Rolle des Architekten ist es, für eine bessere Welt zu kämpfen, in der wir eine Architektur entwickeln können, die allen dient und nicht nur einer Gruppe von Privilegierten“, sagte er der britischen Kunstzeitung „The Art Newspaper“.

In den letzten Jahren ging Niemeyer auch unter die Komponisten: „Tranquilo com a vida“ (In Frieden mit dem Leben) heißt sein Samba, der vom Leben in der Favela, einer Armensiedlung, handelt. Niemeyer schrieb Text und weite Teile der Musik. Das Stück entstand als er nach einer Gallenblasen-Operation in Rio das Krankenbett hüten musste. Aus Langeweile schrieb er das Stück, das er anschließend mit dem Musiker Edu Krieger vervollständigte. „Ich weiß nicht, wo ich die Zeit für so etwas finde, aber mein Samba ist nur Spielerei, nichts wichtiges“, erklärte Niemeyer damals.

Die Arbeit war für den 104-Jährigen immer Lebenselixier. Bis zuletzt war Niemeyer fast täglich in seinem Büro an Rios Copacabana anzutreffen: „In meinem Alter ist es besser, beschäftigt zu sein, und nicht soviel Zeit damit zu verbringen, über Nichtigkeiten nachzudenken“, sagte er.

Trauer um Oscar Niemeyer

Staatspräsidentin Dilma Rousseff schrieb in einem Beileidsbrief: „Brasilien hat heute ein Genie verloren. Niemeyer war ein Revolutionär, der Mentor einer neuen Architektur, schön, logisch und wie er selbst sagte, erfinderisch.“

Der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, ordnete noch in der Nacht eine dreitägige Staatstrauer an. Nach brasilianischer Rechtsordnung muss die Beisetzung binnen 24 Stunden stattfinden. Vermutlich wird die Trauerfeier am Donnerstag im Präsidentenpalast, dem Palácio do Planalto, in der Hauptstadt Brasília stattfinden, die für Niemeyers futuristische Bauten weltbekannt ist.

Cabral bezeichnete den Architekten, der seit dem 2. November unter anderem wegen Nierenproblemen in der Klinik lag, als „Genie der Weltarchitektur“. „Liebevoll im Umgang, fest in seinen Überzeugungen und vom brasilianischen Volk geliebt“, so beschrieb Cabral den am 15. Dezember 1907 als Sohn eines deutschstämmigen Kaufmanns in Rio geborenen Niemeyer, der bis zum Schluss bekennender Kommunist war. Präsidentin Rousseff betonte: „Heute ist ein Tag, seinen (Niemeyers) Tod zu beweinen.“ (APA/dpa)