International
23.07.2011

Gequälte Kinderseelen, eifersüchtige Väter

Zwei Premieren bei den Münchner Opernfestspielen: „Undankbare Biester“ und „Mitridate, rè di Ponto“.

Von Jörn Florian Fuchs

München – Das Thema Kindesmissbrauch auf der Opernbühne? So etwas geht fast nie gut, meist stehen Voyeurismus und eine Ego-Show des Regisseurs im Mittelpunkt. Ganz anders war die Arbeit des ungarischen Theaterkollektivs Krétakör um den künstlerischen Leiter Árpád Schilling, den Regisseur Márton Gulyás und den Komponisten Marcell Dargay. Sie lassen im Musiktheater „Undankbare Biester“ teils sehr junge Jugendliche grausame Geschichten um Misshandlung, Folter und Tod sprechen, singen, spielen. In einer Rahmenhandlung begegnen sich ein Arzt und sein Patient. Der Patient entpuppt sich bald als mehrfacher Kindermörder ...

Ruhig und unaufgeregt entfalten sich die Schicksale, Dargays Musik ist recht filmisch angelegt, mit Jazz-Einfügungen, gegen Ende dann experimenteller: Es gibt Live-Elektronik, man spielt einen präparierten Flügel. Dass auch die Ehefrau und der (schon etwas ältere) Sohn des Arztes auftauchen – auch sie erlebten Schlimmes –, lenkt ein ganz klein wenig von den Jugendlichen ab. Diese berühren ungemein, sie singen berückend schöne Kinderlieder, meistern aber auch vertrackte, moderne Klänge.

Ein starker Abend und ein völliger Kontrapunkt zur ansonsten sehr krawalligen Spielzeit an der Bayerischen Staatsoper.

Freunde des gepflegten Krawalls kamen dagegen im Prinzregententheater auf ihre Kosten, David Bösch inszenierte dort Mozarts Jugendwerk „Mitridate, rè di Ponto“, die letzte Premiere der Münchner Opernfestspiele. Es geht um Gefühlskämpfe und reale Schlachtfelder, im Zentrum stehen zwei Brüder, die sich aus Liebes- und Machtgründen gegen den eigenen Vater auflehnen (beide sind in die Verlobte ihres Papas verknallt, was natürlich zu Komplikationen führt). Am Ende ist der Vater tot und zumindest ein Sohn darf – vermutlich – im Liebesglück schwelgen.

Bösch inszeniert das alles mit lockerer, aber sicherer Hand. Zu Beginn sieht man auf einem animierten Filmchen den jungen Mozart beim Komponieren, sein übermächtiger Vater ist allerdings mit dem Ergebnis unzufrieden. Zwischen Comic, Komik, Tragikomik und Tragik schwankt der über dreieinhalbstündige Abend. Auf ein Bühnenhalbrund werden Sterne, Vögel, Kronen, fratzenhafte Gesichter projiziert, ein riesiger Lüster schwebt herab, er dient auch als Schaukel. Recht dekorativ, das Ganze, aber hübsch anzuschauen.

Ivor Bolton entlockt dem Bayerischen Staatsorchester sehr luftige Klänge, Barry Banks singt Mitridate mit angemessener vokaler Wucht, Patricia Petibon gibt die von allen umschwärmte Traumfrau als eher harmloses, weich timbriertes Weibchen, das an ein paar Stellen allerdings zu (vokalen) Schärfen neigt. Mitridates Söhne sind rollendeckend besetzt: Vor allem Anna Bonitatibus (Sifare) verleiht ihrer Hosenrolle Glanz und Präg-nanz, der Countertenor Lawrence Zazzo (Farnace) kommt nur gegen Ende seiner langen Partie etwas aus der Puste.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 23.07.2011
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