04.05.2012, 11:41  Aktualisiert: 06.05.2013, 03:45 
Film und TV

Femme  fatale mit Charakter

Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt und zu Tode fotografiert: Heute vor 20 Jahren starb Leinwandlegende Marlene Dietrich.

Innsbruck – „Was spielt es schon für eine Rolle, was man über einen Menschen sagt?“, fragt Marlene Dietrich in der Schlussszene von Orson Welles’ wunderbar pragmatischem Noir-Krimi „Im Zeichen des Bösen“ (1958). Ein Satz, der auch die Karriere von Marlene Dietrich selbst treffend überschreibt. Denn das Gerede, vorzugsweise hinter vorgehaltener Hand, hat sie ein Leben lang begleitet. Selbst als es noch gar nichts zu tuscheln gab, zerriss man sich das Maul über sie. Dem ruhmreiche Produzenten Erich Pommer erschien die damals weitgehend unbekannte Revuedarstellerin als „billig“. Zusammen mit Hauptdarsteller Emil Jannings beschloss er, dass dieses Mädchen in Joseph von Sternbergs „Der blaue Engel“ (1929) keine Rolle kriegen sollte. Von Sternberg – den Pommer aus Hollywood einfliegen ließ – besetzte die 27-Jährige trotzdem. Der Rest ist Filmgeschichte: Marlene Dietrich spielt ihre erste Femme fatale, singt „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und wird über Nacht berühmt. So berühmt, dass sie von Sternberg sofort mit nach Amerika nahm, wo sie für ihre erste US-Produktion, „Marocco“ (1930), prompt für den Oscar nominiert wurde.

Innerhalb kürzester Zeit wurde sie mit Filmen wie „Herzen in Flammen“ (1930) oder „Shanghai-Express“ (1931) zum Inbegriff lasziver Weiblichkeit und kühler Verführung. Und stieg zum Weltstar auf – und galt, nicht zuletzt, weil immer wieder Gerüchte über ausschweifende Feste und wechselnde Liebschaften die Runde machten, schon wenig später trotzdem als „Kassengift“. Selbst dass sie – kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, änderte wenig an dieser breiten Ablehnung.

Erst ihr beherztes „Nein“ auf das Angebot des NS-Propagandaministeriums, wieder Filme in ihrer Heimat zu drehen, und ihre gefeierten Auftritte vor alliierten Soldaten brachten sie in der Traumfabrik wieder auf die Erfolgsspur. Große Regisseure wurden auf sie aufmerksam und aus der Femme fatale wurde eine gefeierte Charakterdarstellerin. Sie arbeitete mit Fritz Lang („Rancho Notorious“) und Alfred Hitchcock („Die rote Lola“). Als besonders folgenreich entpuppte sich ihre Zusammenarbeit mit Billy Wilder, der sie in dem 1948 entstandenen Film „Eine auswärtige Affäre“ dorthin zurückführte, wo ihre Karriere einst begann, in einen Berliner Nachtclub. Knapp ein Jahrzehnt später lieferte Dietrich, erneut unter der Regie von Wilder, ihre vielleicht beste schauspielerische Leistung ab. In „Zeugin der Anklage“ (1957) gab sie nicht nur die kühle und undurchschaubare Blondine, sondern auch die entstellte Informantin. Dass ihr für diesen Auftritt eine zweite Oscar-Nominierung verwehrt blieb, heizte die Gerüchteküche kräftig an.

Danach wurde es zunehmend ruhiger um „die Dietrich“. Ihre Leinwandauftritte wurden seltener: 1958 stand sie, wie eingangs erwähnt, für Orson Welles vor der Kamera und 1961 drehte sie „Das Urteil von Nürnberg“. Dabei lernte sie Maximilian Schell kennen, der sie 1984 – sechs Jahre nach ihrer letzten Filmrolle – mit dem Dokumentarfilm „Marlene“ porträtierte. Filmen und fotografieren ließ sie sich damals nicht mehr. Man habe sie zu Tode fotografiert, erklärt sie. Aus dem Off. (jole)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Fr, 04.05.2012  11:41
aktualisiert: Mo, 06.05.2013  03:45
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