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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 24.01.2013

„Lincoln“

Menschliche Wesen oder Ware

Steven Spielberg erzählt in seinem für zwölf Oscars nominierten Film „Lincoln“ die entscheidenden historischen Ereignisse um die Abschaffung der Sklaverei als aufregendes Parlamentsdrama.

Von Peter Angerer

Innsbruck – Zumindest in Europa war es zuerst einmal die Habgier, die den Blick auf die Sklaverei verändert hat. Um den Gewinn zu steigern, wurden Sklavenschiffe überladen, obwohl das Zusammenpferchen von Menschen auf engem Raum den Ausbruch von Seuchen begünstigte. Auf der Zong wurden im September 1781 an der afrikanischen Küste 440 Sklaven aneinandergekettet, doch als das Schiff in eine Flaute geriet, ließ der Kapitän 132 Afrikaner ins Meer werfen. Im März 1783 begannen in London die Anhörungen zur Zong-Affäre, doch es wurde nicht der Massenmord an 132 Menschen verhandelt. Kläger war der Schiffseigner James Gregson, der die Versicherungssumme für verlorenes Ladegut kassieren wollte. Das Gericht fällte ein Urteil zugunsten des Versicherers, indem es erstmals afrikanischen Sklaven, die nach Stück und Tonnen gerechnet wurden, „ein menschliches Wesen innerhalb ihrer eigenen Kultur“ zubilligte.

Im Jänner 1865 wälzt sich im Weißen Haus der eben wiedergewählte Präsident Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis) von einem Albtraum gepeinigt in seinem Bett. Wie Kapitän Ahab steht er auf dem Deck eines Schiffes, das er nicht mehr steuern kann. Seine Frau Mary (Sally Field) denkt natürlich an „Moby Dick“ und an einen Walfänger. Nur Lincolns Freund und Außenminister William Seward (David Strathairn) deutet den Traum so, dass er Sinn macht: Das Schiff ist der 13. Verfassungszusatz, der Sklaverei und Zwangsarbeit beenden und über den am 31. Jänner abgestimmt werden soll.

Seit vier Jahren tobt aber auch der Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten, wobei der Norden, der für die Abschaffung der Sklaverei kämpft, farbige Soldaten aufgenommen hat. Allerdings, beschwert sich ein „Negersoldat“ bei einem Frontbesuch des Präsidenten, „die Neger bekommen nicht nur drei Dollar weniger Sold, uns werden noch dazu drei Dollar für die Uniform abgezogen“. Es geht wie immer um Verlust- und Erlösrechnungen und die Lösung des Dilemmas, das weiß Lincoln als Anwalt, liegt im Präzedenz-Urteil der Zong-Affäre. Lincoln könnte den Bürgerkrieg beenden und vier Millionen Sklaven als Reparationszahlung verlangen. Dagegen spricht der von ihm eingebrachte Verfassungszusatz, der „alle Menschen vor dem Gesetz“ gleichstellen möchte. Außerdem ist die Abstimmung längst nicht gewonnen. Zumindest 20 Abgeordnete der damals reaktionären Demokraten müssen von den Republikanern überzeugt werden. Für solche Gelegenheiten gibt es Spezialisten, die mit Versprechungen, Geld und Erpressung eine Abstimmung steuern können. James Spader, John Hawkes und Tim Blake Nelson sind das Trio Infernal des Präsidenten, der sich nicht scheut, dunkle Spelunken aufzusuchen und für die gute Sache das Gesetz zu brechen. Andererseits muss er den radikalen Republikaner Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones), der seit 30 Jahren für „die Gleichheit der Menschen vor Gott“ kämpft und seine Attacken im Abgeordnetenhaus mit Bildern wie „Wir ersticken in den faulen Dämpfen Ihrer Rhetorik“ beginnt, zurückhalten.

Steven Spielbergs „Lincoln“ ist ein erstaunliches Meisterwerk – auch dank des Drehbuchs von Tony Kushner, denn der Film erzählt in zweieinhalb Stunden die entscheidenden historischen Ereignisse zwischen Jänner und April 1865 als Parlamentsdrama mit ausgefeilten Dialogen. Vom Bürgerkrieg ist nur ein verdeckter Handkarren zu sehen, von dem Blutlachen rinnen und der in einer Grube mit abgesägten Armen und Beinen entleert wird. So ähnlich zeigt Spielberg auch Lincolns Tod.