09.02.2013, 12:37  Aktualisiert: 09.02.2013, 14:56 
Ulrich Seidl-Interview

„Das hält mich nicht ab, uns einen Spiegel vorzuhalten“

Mit großer Spannung ist Ulrich Seidls letztes Kapitel seiner „Paradies“-Trilogie erwartet worden. Ein Interview mit dem österreichischen Erfolgsregisseur über seine leichtfüßige Erzählung aus einem Diätcamp mit pädophilen Anklängen.
Ulrich Seidl und seine Hauptdarstellerin Melanie Lenz stelleten sich in Berlin den Fragen der Berlinale-Journalisten.
Foto: REUTERS

Von Aliki Nassoufis

Berlin – Regisseur Ulrich Seidl spricht in seinen Filmen immer wieder unbequeme Themen an, die andere lieber ignorieren. So auch in seiner Trilogie „Paradies“, in der er von drei Frauen und ihren Sehnsüchten nach Glück, Nähe und Liebe erzählt. Der erste Teil, „Paradies: Liebe“, handelte von einer 50-jährigen Wienerin, die sich in Afrika Liebe erkaufen möchte. „Paradies: Glaube“ thematisiert religiösen Fanatismus – und in „Paradies: Hoffnung“ steht ein junges, übergewichtiges Mädchen in einem Diätcamp im Mittelpunkt.

Dieser dritte Teil der Trilogie feierte am Freitag bei der 63. Berlinale seine Premiere. Im Interview sprach der 60-jährige Seidl über Diätcamps, einengende Institutionen und die Vorliebe von Männern für Keller.

Was hat Sie dazu bewogen, im dritten Teil der Trilogie von einem Mädchen im Diätcamp zu erzählen?

Ulrich Seidl: „Nachdem ich die eine Geschichte über den Sextourismus und die zweite Frau mit ihrem Glauben zu Jesus hatte, war für mich klar, dass als dritte im Bunde eine andere Generation, ein junges Mädchen vorkommen müsste. Die Idee des Diätcamps hat sich dann aufgedrängt. Es sollte ja um die Ferien gehen, denn die anderen Filme spielen auch zu der Zeit und es geht um Gleichzeitigkeit. Die Idee eines Diätcamps hatte ich schon einmal im Kopf, und es hat sich für mich dann angeboten, dazu eine Geschichte zu entwickeln.“

Wie haben Sie zu dem Thema recherchiert?

Seidl: „Ich wusste, dass es Diätcamps gibt und habe angefangen, weiter in solchen Camps zu recherchieren. Ich habe mir angeschaut, wie die das machen, was sie da veranstalten, was für Kinder da sind und warum. Wie denken sie darüber? Wie fühlen sie sich mit ihrem Übergewicht? Daraus habe ich dann eine Fiktion entwickelt. Nicht jedes Diätcamp ist natürlich so wie dieses im Film. Aber es gibt solche, wo man versucht, dem Suchtverhalten über Ordnungsprinzipien und Drill zu entgegnen.“

Was hat Sie an diesem Ansatz genau gereizt?

Seidl: „Das ist etwas, das mich immer wieder interessiert: Institutionen. Auch in meinem Film „Import

Export“ gibt es diese Spitalsituation, diese Geriatrie. Der Mensch in Institutionen - das ist für mich ein Thema. Der Mensch durchschreitet sie ja immer wieder. Man wird in einer Institution geboren und man stirbt auch meistens in einer. Dazwischen liegen dann Schule, Ämter, vielleicht das Militär und andere Institutionen. Mit ihren Freiheitsbeschränkungen und der hierarchischen Führung sind sie der Gegenpol einer individuellen Würde und Freiheit.“

In Ihren Filmen spielen Körperlichkeit und auch Nacktheit immer wieder eine Rolle. In „Paradies: Hoffnung“ stehen nun Jugendliche im Mittelpunkt. Haben Sie sich dem Thema anders genähert als sonst?

Seidl: „Natürlich ist es bei diesen Mädchen und Jungen auch heikel, denn das sind Kinder, sie sind minderjährig. Dennoch muss man auch das Körperliche thematisieren, ich kann nicht über Dickheit reden und sie dann nicht zeigen. Die Kinder wissen ja auch, dass sie dick sind, dass sie dem Ideal nicht entsprechen und dass sie sich dafür genieren.“

Hat es beeinflusst, wie Sie bestimmte Dinge zeigen?

Seidl: „Ich bin mit mehr Vorsicht drangegangen. Man legt sich sicher selber mehr Schranken auf als bei Erwachsenen. Natürlich wusste ich, dass zum Beispiel das Nackte nicht möglich ist und dass auch Liebesszenen nicht möglich sind.“

Wegen einer Masturbationsszene mit einem Kruzifix in Ihrem zweiten Teil „Paradies: Glaube“ soll eine katholische Organisation im Herbst Anzeige gegen Sie und Ihr Team erstattet haben. Was ist daraus geworden?

Seidl: „Da ist nichts daraus geworden. Ich bekomme aber immer wieder Briefe, vor allem aus Amerika, dass ich diesen Film „Paradies: Glaube“ doch zurückziehen soll, weil die Gläubigen brüskiert würden.“

Überraschen Sie solch heftige Reaktionen?

Seidl: „Mit einer Anzeige konnte ich nicht rechnen. Es ist aber immer so: Wenn man gewisse Wahrheiten schonungslos zeigt, dann muss man damit rechnen, dass sich Leute drüber aufregen. Dass einige sogar aggressiv werden. Aber das hält mich nicht davon ab, uns immer wieder einen Spiegel vorzuhalten. Für viele Leute ist genau das erhellend – weil die Wahrheit oft erhellend ist. Andere aber wollen es nicht wahrhaben. Und weil sie es nicht wahrhaben wollen, darf man es nicht zeigen – was man nicht will, darf nicht sein. Die haben dann ein Problem damit. Aber wenn wir über die Masturbationsszene sprechen: Über Jahrhunderte hinweg haben Nonnen in Klöstern ihren Jesus mit ins Bett genommen, das ist auch eine Wahrheit. Der Weg, dass man sich Jesus als Liebhaber nimmt und ihn begehrt - auch sexuell -, ist vorstellbar und entspricht der Realität, selbst wenn man da nicht hinschauen will.“

Ihr nächstes Projekt, das in diesem Jahr fertig werden soll, heißt „Im Keller“. Können Sie mehr darüber verraten?

Seidl: „Das ist ein Dokumentarfilm. Hier geht es um Österreicher und ihre Beziehung zum Keller. Das ist eher ein Männerfilm, weil die Männer gerne in den Keller gehen, um zu basteln, zu werken, Autos zu reparieren, Fitness zu betreiben, sich mit Freunden zu treffen, zu trinken. Die Domäne des Mannes ist oft der Keller. Wie wir aber wissen, ist der Keller psychologisch und real auch immer der Ort des Geheimnisses, der Dunkelheit, des Schreckens, der Folter und des Verbrechens.“

Wird das auch im Film zu sehen sein?

Seidl: „Nein, das kommt so nicht hinein, spielt aber natürlich in unseren Köpfen eine Rolle, wenn man die Bilder sieht. Das kriegt man nicht mehr raus.“

Das Gespräch führte Aliki Nassoufis von der Nachrichtenagentur dpa

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Sa, 09.02.2013  12:37
aktualisiert: Sa, 09.02.2013  14:56
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