25.10.2011
Schwaz

Alte Kaiserstube und neue Schindeln

Erst zum zweiten Mal stehen am Saisonende zu Allerheiligen auf Schloss Tratzberg die Räume für Kaiser Maximilian I. für Schlossbesucher offen – aufwändige Dachsanierung des Schlosses verschlingt Unsummen.

Von Peter Hörhager

Stans – Der berühmte Habsburgersaal mit dem Stammbaum der Dynastie, die Rüstkammer mit der umfangreichen Waffensammlung, der Jagdsaal mit seinen lebensgroßen Skulpturengruppen, die Fuggerstube, die Schlosskapelle – ein Besuch von Schloss Tratzberg lohnt allemal. Zum Saisonschluss am 1. November erwartet die Besucher eine zusätzliche einzigartige Sehenswürdigkeit: Es dürfen nicht nur die einleitend aufgezählten Räume besichtigt werden, sondern auch die sonst nicht zugänglichen Räume für Kaiser Maximilian.

Tratzberg, eine ehemalige Grenzfeste gegen Bayern, war ab 1407 im Besitz der Landesfürsten und somit – ab 1490 – in jenem von Maximilian I. Dieser konnte sich seines Besitzes nicht lange erfreuen, da das Schloss im Winter 1490/91 durch einen Brand weitgehend zerstört wurde. Kaiser Maximilian I., der die Anlage als Jagdschloss genutzt hatte, baute Tratzberg aber nicht wieder auf, sondern tauschte die Ruine gegen ein Schloss der reichen Silberbergwerksbesitzer Tänzel. Diese richteten im Jahre 1500 den ersten spätgotischen Teil des heutigen Schlosses prunkvoll aus. „1500. Veit Jakob und Symon Tänzl geprider haben gepawt das schloss“ steht auf dem Wappenstein am Stiegenturm von Schloss Tratzberg.

Die neuen Besitzer haben auch dem Vorbesitzer ein einzigartiges Denkmal gewidmet – den eingangs erwähnten Habsburgersaal mit dem Stammbaum des Herrschergeschlechts. In dem 46 Meter langen Fresko finden sich 148 Figuren der Habsburger­dynastie. Außerdem richteten die Tänzels Räumlichkeiten für den Kaiser ein, sollte sich dieser in der Gegend aufhalten. Die über dem Jagdsaal gelegene Maximilianstube und das Maximilianzimmer sind, mehr als 500 Jahre nach ihrer Errichtung, noch im Originalzustand erhalten. „Wir gehen davon aus, dass Maximilian hier mehrmals genächtigt hat“, erzählt Schlossherr Ulrich Goess-Enzenberg.

Die Räume befinden sich im 2. Stock und somit oberhalb der bei Führungen zugänglichen Prunkräume. „Sie sind aus kunsthistorischen Gründen für Besucher gesperrt“, erklärt Goess-Enzenberg, „am 1, November steht zum zweiten Mal die Möglichkeit einer Besichtigung.“

Sowohl Stube als auch Kammer sind mit gotischem Getäfer und aufwendiger Kasettendecke ausgestattet. Ein „Lusterweib“ lieferte die Beleuchtung. Ein Kastenbett und ein Hausaltar, ein für die Zeit typischer Kastenschrank sowie ein Tisch und mit Leder bezogene Sessel sind die dominanten Möbelstücke. Interessantes Detail: eine im Boden eingelassene Falltreppe die in den darunter liegenden Jagdsaal führt. Sie diente als Fluchtweg und kann mit Hilfe des Flaschenzugs heruntergelassen werden. Beachtung verdienen logischerweise auch die wertvollen Bilder sowie – als rätselhaftes Beiwerk – Kreideinschriften auf der Wandtäfelung. Darunter auch der Lieblingsspruch des Kaisers: „Ich leb, waiss nit wie lang und stürb waiss nit wann, muess faren, waiss nit wohin, mich wundert, das ich so frelich bin!“ Ulrich Goess-Enzenberg: „Es ist gut möglich, dass der Kaiser selbst diesen Spruch geschrieben hat, wenn auch ursprünglich in einfacherer Schrift.“

Heuer bevölkerten nicht nur Besucher die Schlossanlage, sondern auch schwindelfreie Handwerker. Dachdecker nämlich. „Wir sehen uns vorwiegend als Bewahrer von Tratzberg und nicht nur als Besitzer“, ist einer der Standardsätze von Ulrich Goess-Enzenberg. Die Erhaltung der Anlage verschlingt Unsummen, die nur durch die Eintrittsgelder nicht aufzubringen sind. Heuer wurde ein Fünftel der Dachlandschaft neu gedeckt, die ein Ausmaß von insgesamt rund 5000 Quadratmetern hat. Betroffen waren die Nord- und Westseite des Schlosses. Kostenpunkt: 90.000 Euro.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 25.10.2011
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