11.09.2010
Innsbruck Land

Bilder einer Frau und eines Mädchens von heute

Monika Helfer ist Gast beim Literaturfest Sprachsalz. Mit der TT sprach die Autorin über besondere Freundschaften.

Ihr neuer Roman „Bevor ich schlafen kann“ handelt von einer Frau, einer Psychiaterin, die nach zwei Schicksalsschlägen – Brustkrebs, der Mann homosexuell – versucht, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Die Protagonistin hat einen harschen Charakter.

Monika Helfer: Die Frau ist natürlich aus vielen Frauen zusammengesetzt, auch aus mir. Ich habe mir gedacht, dass sie für ihren Beruf als Psychiaterin eine gewisse Härte braucht. Für mich ist sie – auch wenn es abgedroschen klingen mag – die moderne Frau. Durch ihren Beruf ist sie hart geworden, aber auch lebensfremd, was sie selbst betrifft. Sie hat sich nie auf sich selbst konzentrieren können. In Wirklichkeit hat sie sich fast verloren. Durch das Schicksal, das sie zweimal trifft, muss sie auf sich schauen.

Sind Komik und Tragik in Ihrem Schreiben ein untrennbares Paar?

Helfer: Die Tragik allein gibt es nicht. Ich finde, es gibt überhaupt nichts Einzelnes, es kommt immer etwas Zweites dazu. Wenn zur Tragik die Komik kommt, kann man die Tragik besser aushalten. Die Protagonistin Josi neigt zur Komik. Wenn man die Ironie an einer Situation sieht, gibt es immer einen Weg aus der Trauer hinaus.

In dem Buch kommt Ihr Mann Michael Köhlmeier vor. Ihre nach einem Bergunfall verstorbene Tochter Paula ist die Namensgeberin für die zweite wichtige Figur in dem Buch, ein zwölfjähriges Mädchen. Wie sicher fühlen Sie sich, wenn Sie autobiographische Details in eine Geschichte verwandeln?

Helfer: Ich muss dazu sagen, dass sich das einfach ergeben hat. Es war nicht geplant, dass ich meine Familie in den Roman hineinnehme und die Paula schon gar nicht. Aber Paula begleitet mich immer in meinem Kopf, so hat sie sich in den Roman eingeschlichen. Die Episode auf Hydra hat übrigens wirklich stattgefunden. Michael sollte auf Hydra Vorträge halten und wir sind mit den beiden kleinen Kindern dorthin gefahren. Paula war damals im selben Alter wie die Figur im Buch. Es wäre mir komisch vorgekommen, den Namen zu ändern. Natürlich ist man mit Persönlichem vorsichtig. Man versucht, es zu verfälschen oder zu verändern. In diesem Fall habe ich fast alles so gelassen, wie es war.

Ein Thema ist Freundschaft zwischen älteren und jüngeren Menschen. Was macht diese Beziehungen kostbar?

Helfer: Durch die Kinder hatten wir zu Hause immer viele junge Menschen. Ich habe mich immer gut mit ihnen verstanden. Nach Paulas Tod sind mir viele ihrer Freunde geblieben, die mich besuchen. Ich habe ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen, fast mehr als zu gleichaltrigen Personen. So bekomme ich am Rande mit, was junge Menschen machen und denken.

Sie sind auch Autorin von Kinderbüchern. Ihr Buch „Tiere allein“ (2009) erinnert ein wenig an die Bremer Stadtmusikanten. In Ihrer Geschichte werden Tiere verstoßen, wenn es in den Urlaub geht. Sind Märchen für Sie eine Fundquelle?

Helfer: Ich mag Märchen gerne und kenne viele. Das Spiel mit dem Märchen ist immer da.

Wie schonungslos können Kinderbücher sein?

Helfer: Ich kann nur von mir und meinen Kindern reden. Je schrecklicher das Märchen war, umso lieber hatten sie es. Ich war nie ein Freund von den neu erzählten Märchen, in denen alles, wie bei einem Medikament, auf Mitte gehalten wird. Es gibt nichts Schöneres als Gefahr in Sicherheit. Sich bei der Mama zu fürchten, ist schön.

Kann bei Ihnen als Erzählerin das Motto „hart, aber herzlich“ gelten?

Helfer: Ja, schonungslos, aber mit viel Wärme erzählt, würde passen. Ich bin kein Freund von „hinterm Berg halten“. Natürlich will man niemanden kränken. Aber ich würde immer so hart schreiben, wie es das Thema verlangt.

Das Gespräch führte Sabine Strobl

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 11.09.2010
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