Erzählen in Frage gestellt
Von Sabine Strobl
Innsbruck – Franz Tumler hat sich 1959, Anfang Oktober, dreieinhalb Stunden in Volterra, einem beliebten touristischen Ziel in der Toskana aufgehalten. Acht Tage später kam er zufällig in Ansedonia an einer etruskischen Ausgrabungsstätte des Ortes vorbei. In dem 1962 dazu veröffentlichten Text, der die Leserschaft mitten in die literarische Moderne katapultiert, besuchen ein Mann und eine Frau die Orte Volterra und Ansedonia. Zuerst werden die ausgegrabenen Steine auf dem Hügel von Cosa in der Erinnerung beobachtet, das Gestrüpp, die Sonne „in der Zone aus Staub“. Dann die belebte Stadt Volterra, mit den Wäscheleinen zwischen den Häusern. Doch Tumler beginnt zu irritieren. Mit Sätzen wie: „Der Unterschied war nicht groß.“ Und was ist mit dem Paar, das nicht den Anschein macht, zusammenzugehören, und dem schlafenden Wächter. Mystisches verstrickt sich mit scheinbar wirklichen Beobachtungen. Der 1912 in Südtirol geborene, in Oberösterreich aufgewachsene und 1998 in Berlin verstorbene Tumler nützt „Volterra“, um über das Schreiben an sich zu reflektieren. Wie er in seinem Aufsatz „Wie entsteht Prosa“, festhält, ist das „Geschriebene entstanden als Antwort auf die Erinnerung“. Indem er sich auf „Volterra“ bezieht, kann er sehr eindringlich seine Poetik darlegen. Der Germanist Johann Holzner setzt in seinem Nachwort Tumlers Schreiben in Zusammenhang mit der psychoanalytischen Methodik. Unverkennbar ist das Umfeld des französischen Nouveau Roman und die Beschäftigung mit James Joyce oder Samuel Beckett. Beide Texte sind vergangenen Herbst im Innsbrucker Haymon Verlag erschienen. Da der Verlag die Rechte erworben hat, kann eine neue Werkausgabe erstellt werden. Sie geht mit einem lang gehegten Plan des Brenner-Archivs einher, erklärt Institutsleiter Johann Holzner im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Wie Holzner erwähnt, haben sich Gesamtausgaben als Särge erwiesen. Daher werde das Augenmerk auf einzelne Werke gerichtet. Jetzt erscheint Tumlers überwältigende Erzählung „Nachprüfung eines Abschieds“, von der der Autor als „verpasste Läuterung“ spricht. Ein Mann beäugt darin seine Schuld und den Vorgang einer Trennung. Der Erzähler hinterfragt auch den Unterschied von erlebter und gemessener Zeit und seine Rolle beim Schreiben. Holzner: „Tumler rekonstruiert das Erinnerte nicht, er konstruiert.“ Das Erzählen und gleichzeitige Reflektieren darüber galt bis in die neunziger Jahre als Maßstab in der Literatur. Holzner verweist etwa auf den Tiroler Schriftsteller Norbert Gstrein. Dass das naive, allwissende Erzählen wieder zur Masche des beginnenden 21. Jahrhunderts wird, ist aber auch unleugbar. Als Beispiel dafür nennt Holzner den Erfolg von Daniel Kehlmann. „Doch Tumler ist nicht mehr rückgängig zu machen“, sagt Holzner, „wenn der Autor die Reflexionsphase überspringt, merkt man es den Texten an.“ Nur wer sich vorher der Reflexion über das Schreiben und den eingeschränkten Blickwinkel des Schreibenden stellt, könne vielleicht etwas komplett Neues schaffen. Norbert C. Kaser bezeichnet 1969 Tumler als „Vater unseres Erkennens“. Sabine Gruber hebt 2011 hervor, dass ihn u. a. sein „Erzählmisstrauen“ zu einem der „bedeutendsten Erzähler der Nachkriegszeit“ mache.
Tumlers Schreiben und Leben weist extreme Brüche auf. 1938 gibt Tumler seine Tätigkeit als Lehrer auf, tritt der SA bei und als Schriftsteller in den Dienst des Naziregimes. 1941 meldet er sich zum Kriegseinsatz. Die neue Werkausgabe dokumentiert, inwieweit „Tumler in das NS-Schrifttum eingebunden war. Es wird auch scharf herausgearbeitet, dass er sich nie entschieden von der Nazi-Diktatur distanziert hat“, betont Holzner. Aber so wie sich die oben genannten Texte anfühlen und lesen, hat „er sich in seinem Werk so ausdrücklich distanziert wie kein anderer“.



