Was „kein Thema“ bleiben soll
Von Ivona Jelcic
Innsbruck – 2012 ist in Innsbruck ein Wahljahr, dessen ist sich auch der in Wien lebende steirische Künstler Oliver Ressler bewusst, der mit dem Projekt „Wahlen sind Betrug“ gerne auch in zeitliche Nähe der Gemeinderatswahlen gerückt wäre. Ressler, geboren 1970, setzt sich seit Jahren mit Machtverhältnissen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen auseinander – „Wahlen sind Betrug“ ist als Plakataktion im öffentlichen Innsbrucker Raum gedacht und zitiert einen Slogan, der aus den Studentenunruhen in Paris 1968 hervorgegangen ist. Warum ihn 2012 noch einmal und vor dem Hintergrund einer Tiroler Gebirgslandschaft zur Diskussion stellen? Der Künstler beruft sich u. a. auf den Soziologen und Globalisierungskritiker Walden Bello, demzufolge die „westliche Demokratie eine Idealsituation zur Sicherung der Fortdauer der Macht der Eliten“ ist, die „die Enteigneten, die Armen und die Arbeiterklasse“ aussperre, ihnen aber gleichzeitig vorgaukle, „sie hätten Anteil am Aufbau ihrer eigenen Zukunft und könnten am politischen Prozess mitwirken“. Darüber könnte man in der Tat diskutieren, jedoch nicht im Rahmen des Projekts „Wahlen sind Betrug“, das Ressler bei den TKI open, der von den Tiroler Kulturinitiativen (TKI) organisierten und durchgeführten Kulturförderschiene des Landes, eingereicht hat. „Kein Thema“ lautete der Titel der Ausschreibung 2012, im Fördertopf befanden sich insgesamt 68.500 Euro, im November wurden die von einer unabhängigen Jury zur Realisierung ausgewählten Projekte vorgestellt. Darunter jenes von Oliver Ressler. Die Freude über die in Aussicht gestellten 8400 Euro Fördergeld währte allerdings nicht lange. Am 14. Dezember unterrichtete die Kulturabteilung des Landes die TKI von ihrer Entscheidung, das Projekt „Wahlen sind Betrug“ nicht zu fördern, am 19. Dezember erging diesbezüglich eine Infomail der Kulturabteilung an Ressler und auch an den Verein „Ritesinstitute“, dessen für eine Förderung in Höhe von 12.525 Euro vorgesehenes Projekt vom Land ebenfalls aus der Jury-Auswahl gestrichen wurde.
„Alpenländische Studien“ nennt sich das Projekt des israelischen Künstler und Fotografen Tal Adler, dessen Anliegen es ist, den Umgang Tirols und der Tirolerinnen und Tiroler mit der eigenen NS-Vergangenheit zu erforschen und zu visualisieren. Eingebettet ist das Vorhaben in eine österreichweite Recherche, die im Rahmen des FWF-Projekts (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) MemScreen an der Wiener Akademie der bildenden Künste vorbereitet wurde. „Alpenländische Studien“ sei ein „kunstwissenschaftliches Forschungsprojekt“, sagt MemScreen-Mitarbeiterin und Zeithistorikerin Karin Schneider, die sich einigermaßen erstaunt über die negative Haltung des Landes zeigt: „Wir hatten eigentlich den Eindruck, dass durch das große Forschungsprojekt zum Gräberfeld in Hall und die Aufarbeitung der NS-Zeit durch den Alpenverein diese Dinge auch anders, als es jetzt wieder durch diese Entscheidung den Eindruck machen könnte, behandelt werden.“ Von der Absage erfahren habe man durch „ein informelles, verstörtes Telefonat mit den Kollegen von der TKI, aber nicht schriftlich“. Auf neuerliche Nachfrage sei man zurück an die TKI verwiesen worden.
Kulturlandesrätin Beate Palfrader stellt gegenüber der TT fest: „Die Jury schlägt vor, das Land behält sich das Recht vor, eine Entscheidung darüber zu fällen, ob man diesem Vorschlag entspricht oder nicht.“ „Entscheidend“, sagt Palfrader, seien dabei die Förderrichtlinien. Mit den Vorschlägen der Jury habe sie sich gemeinsam mit den Beamten der Landeskulturabteilung befasst – und man sei zu dem Schluss gekommen, dass die beiden abgelehnten Projekte eben „nicht den Kriterien entsprechen“. Als solche nennt Palfrader etwa die „Schaffung von Freiräumen für junge Kulturinitiativen und neue Kulturprojekte“, die sie beim „Wiener Künstler“ Ressler nicht erfüllt sieht. Ihrer „persönlichen Meinung“ nach sei sein Projekt angesichts von „Menschen, die um das Grundrecht der freien Wahl kämpfen und dafür sterben“ außerdem „deplatziert und unschlüssig“. Dem negativen Förderentscheid liege aber nicht inhaltliche Kritik, sondern der Kriterienkatalog zu Grunde, so Palfrader, die auch bemängelt: „Die Jury hat ihre Entscheidung nicht begründet.“
TKI-Geschäftsführerin Helene Schnitzer entgegnet, das Land habe seine Entscheidung auf Basis der Kurzbeschreibungen der Projekte gefällt. An der öffentlichen Jury-Sitzung im Herbst habe kein Vertreter des Landes teilgenommen. Palfrader stelle sich „gegen die Meinungsfreiheit“, kritisiert die TKI. „Für die Verhinderung politisch unliebsamer Arbeiten gibt es eine Bezeichnung: Zensur“, heißt es in einer Aussendung. Was Palfrader entrüstet von sich weist: Von insgesamt sieben vorgeschlagenen Projekten seien ja fünf auch bewilligt worden, argumentiert die LR. Dass die TKI – auch in ihrer Aussendung vom Montag – auf eine schriftliche Begründung pocht, ist Palfrader neu: „Das Thema ist bei unserem letzten Treffen am 10. Jänner nicht einmal angeschnitten worden.“ Von einem solchen Treffen weiß allerdings Schnitzer nichts. Wohl aber von der am 15. Dezember 2011 in einer E-Mail an das Land formulierten Bitte, „auf Basis der detaillierten Konzepte Ihre Entscheidung zu überdenken“ und Stellung zu nehmen.



