Ein Alchemist pflanzt Löwenzahn
Von Ivona Jelcic
Innsbruck – In Martin Waldes Kunst gerät die Essenz der geballten Reinigungsmittelindustrie zu schwarzer Seife, gallertartige Massen scheinen ein Eigenleben zu entwickeln, Silikon, Gel, Mehl und zahlreiche andere Stoffe entfalten ungeahnten Formen- und Bedeutungsreichtum. Der 1957 geborene, in Wien lebende Tiroler interessiert sich für das Spiel mit Materialien und für das In-Gang-Setzen von Prozessen – physikalischen, chemischen genauso wie völlig unkalkulierbaren. Im Chemielabor kann freilich auch das Inventar selbst auf seine Aggregatzustände hin untersucht werden: Waldes neue, in der Galerie Thoman erstmals gezeigte Arbeiten kommen aus industriellen Großanlagen, es sind normierte Glasgefäße aus Reduktionsanlagen für Lösungsmittel, die der Künstler in Zusammenarbeit mit dem Glastechniker Bernd Weinmayer in einem speziellen Hochofen transformiert. Was sowohl technisch als auch im Hinblick auf den skulpturalen Prozess eine Herausforderung war: Jedes Gefäß ein Experiment, jede vorgedachte, „mentale Form“ auch davon bestimmt, was technisch überhaupt möglich ist. Die Ergebnisse, halsbrecherisch deformierte oder auch Dalí-artig hingegossene „Solvent Scales“, sind für Walde selbst ein Zwischending aus surrealistischem Objekt und Ready-Made – am Ende ist es eine sowohl haptisch und formästhetisch als auch inhaltlich überaus spannende Erweiterung des Skulpturbegriffs.
„Du bist der Löwenzahn in der Wiese meines Lebens“, ist dagegen herzallerliebst an mehreren Stellen der zehnteiligen Arbeit „Dandelion“ zu entziffern – unter den „Löwenzahnsprüchen“, die Walde hier versammelt hat, sein liebster. Dennoch hat er ihn wie auch alle anderen in einem akribischen Reproduktionsprozess immer wieder überschrieben, fotografiert, digitalisiert, bis aus dem Zusammentreffen von digitaler und analoger Form das abstrakte und damit auch irgendwie gespenstische Abbild einer überschriebenen Löwenzahnwiese wird. „Dandelion“ ist ein raffiniertes Spiel mit der Form, zugleich aber auch eine durchaus poetische Parabel über die Manipulation der Natur durch den Menschen. Wo nur noch Löwenzahn wächst, ist der Stickstoffgehalt des Bodens überhöht, das scheinbar unschuldige Pflänzchen ist also ein Indikator für Überdüngung. Die Überschreibung einer Wiese durch Stickstoff hat Walde also in eine tatsächliche Überschreibung durch Sprache übersetzt.



