26.01.2012
Innsbruck

Kultur am Ende der Fahnenstange

Rund 700.000 Euro blieben nach dem Verkauf des Bierstindl übrig. Der Bierstindl-Förderverein will damit Kulturprojekte unterstützen, aber nicht fürs Land in die Bresche springen. Diese Gefahr sehen auch andere.
Eine Verbindung zwischen Bierstindl und Bergisel durch einen Schräglift steht nach wie vor im Raum.Foto: Murauer
Foto: TT / Thomas MURAUER
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Chronologie

1992 kauft der Verein Kulturgasthaus Bierstindl mit finanzieller Unterstützung durch Bund, Land und Stadt sowie der Zusage des Landes, die so entstehenden Schulden durch Subventionen abzutragen, das Haus am Fuße des Bergisel.

Im Jahr 2000 entschulden Land und Stadt das Bierstindl, durch laufend notwendige Sanierungsmaßnahmen am baufälligen Haus wächst der Schuldenberg allerdings stetig weiter an und beläuft sich Ende 2010 auf mehr als 500.000 Euro.

Verhandlungen über einen Kauf des Hauses durch das Land sind da bereits gescheitert, ein vom Vereinsvorstand 2010 vorgelegtes Konzept, wie es weitergehen könnte, wird vom Land nicht angenommen. Die erhoffte Entschuldung durch Stadt und Land scheitert.

Der Kulturbetrieb wird Ende 2010 eingestellt, 16 Vereine machen sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe. Im März 2011 wird bekannt, dass die Münchner Edith-Haberland-Wagner-Stiftung das Bierstindl sanieren und künftig wieder für Kulturveranstaltungen öffnen will.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Es ist das, was man Ironie des Schicksals nennt: Nach jahrelangem Ringen ums eigene Überleben, nach bedrohlich wachsenden Schuldenbergen, nach endlosen Verhandlungen mit der Politik und deren finalem Scheitern stand der Verein Kulturgasthaus Bierstindl am Ende mit einem satten Guthaben von rund 700.000 Euro da. Stand. Denn den Verein Kulturgasthaus Bierstindl gibt es nicht mehr. In der Generalversammlung vom 19. Dezember 2011 fiel der Beschluss zur Auflösung, das Bierstindl, wie es einmal war, ist damit endgültig Geschichte. Eine Tatsache, die man jetzt auch akzeptieren müsse, sagt Joachim Tschütscher, der mit seinem Antritt als Vereinsobmann Anfang 2010 letzte Rettungsversuche gestartet hat, dem letztlich aber nur mehr die Grablegung übrig blieb.

Grund für Optimismus sieht er heute trotzdem: Mit dem Verkauf des Bierstindl an die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung seien drei Dinge geglückt: Das Haus am Fuße des Bergisel bleibt erhalten, wird instand gesetzt und soll außerdem ein Ort für Kultur bleiben. 700.000 Euro nicht zu vergessen: Sie blieben nach Abzug aller Schulden übrig, 1,25 Mio. Euro hat die Stiftung für die Liegenschaft hingeblättert, ein stattlicher, laut Tschütscher auch angemessener Preis. Verkaufsgespräche hatte man zuvor auch mit dem Land und der Tigewosi geführt, sie verliefen im Sand, das Interesse der Münchner Stiftung erwies sich schließlich als Glücksfall, nicht nur der Summe wegen, die sie zu zahlen bereit war.

Im Dezember 2011 stand der Verein also vor der Frage: Was tun mit dem Geld? Gemäß Vereinsrecht und -statuten wäre eine Übertragung auf eine Organisation möglich gewesen, „die gleiche oder ähnliche Zwecke wie dieser Verein verfolgt, sonst Zwecke der Sozialhilfe“. Ähnliche Zwecke fand man schließlich im „Verein zur Förderung des Kulturgasthaus Bierstindl“, 2010 mit dem Ziel der „Förderung des Kulturbetriebs im Gasthaus Bierstindl“, also auch der Lukrierung von Spenden- und Sponsorgeldern, gegründet. Obmann des Fördervereins ist Joachim Tschütscher, im Vorstand sitzen – etwa mit Vertretern der Innsbrucker Ritterspiele oder des Instituts für Volkskultur – ehemalige Bierstindl-Mitglieder.

Die Idee ist es nun, als Förderverein Kulturprojekte zu unterstützen, sowohl von ehemaligen Bierstindl-Mitgliedsvereinen als auch „von anderen, die dem Sinn des alten Bierstindl entsprechen“, erklärt Tschütscher. Zu diesem Zweck würden jetzt Richtlinien erarbeitet, darüber hinaus soll ein Beirat eingerichtet werden. „Wir wollen nicht Hinz und Kunz unterstützen, sondern sinnvolle Projekte fördern, wir denken an drei bis fünf pro Jahr“, sagt der Obmann, der sich einer gewissen Gefahr, die dieses Unterfangen mit sich bringt, bewusst ist: Man wolle keinesfalls den Effekt erzielen, „dass das Land Leute, die dort um Förderung ansuchen, dann zu uns schickt“. Diese Sorge teilen auch andere: Die Tiroler Kulturinitiativen (TKI), einst ebenfalls im Bierstindl beheimatet, hatten den Plänen im Dezember aus mehrerlei Gründen nicht zugestimmt. Auch weil es keine Richtlinien für die geplanten Kulturförderungen gab, wie TKI-Vorstandsmitglied Markus Schennach erklärt. Skeptisch stimmt ihn zudem, dass „niemand in die Erarbeitung dieser Richtlinien eingebunden ist“. Insgesamt sei die Vorgehensweise zu „intransparent“, auch die Statuten des Fördervereins seien im Dezember nur „auszugsweise vorgelesen“ worden.

Als Vereinszweck ist in diesen Statuten jedenfalls festgeschrieben, „jene kulturellen Aktivitäten“ zu fördern, „die der Zielsetzung des ehemaligen Kulturgasthaus Bierstindl entsprechen“. Womit man sich freilich in einem ziemlich breiten Feld bewegt: Im Bierstindl selbst war ein bunter Haufen von Vereinen zuhause, deren Aktivitäten vom Salsa-Tanz über Dialektforschung und Theater bis hin zu Ritterspielen reichten. Man befinde sich momentan in einem Klärungsprozess, sagt Tschütscher und ist überzeugt: „Wenn sinnvolle Initiativen gefördert werden, können wir als Förderverein schöne Kulturarbeit machen.“

Die Haberland-Wagner-Stiftung will im Bierstindl laut eigenen Aussagen aber nicht als Veranstalter fungieren, sondern Räume zur Verfügung stellen. Auch Tschütscher hat mit Stiftungsvertretern diesbezüglich bereits Gespräche geführt und weiß: „Es wird Mitgliedervereine geben, die da oben wieder Kulturarbeit machen können“, konkret werden etwa die Ritterspiele genannt. Wann das der Fall sein wird, ist allerdings noch unklar: Noch will die Stiftung keine Details zum Umbau preisgeben. Die Einreichpläne liegen bei Stadt und Denkmalamt, erklärt Stiftungsvertreter Robert Hartl. Einen Plan für einen Schräglift vom Bierstindl auf den Berg- isel, wie häufig kolportiert, enthielten die Pläne vorerst nicht, die Idee sei aber „noch nicht vom Tisch“, so Hartl. Was die Umbau- und Sanierungspläne für das Haus betrifft, hat jedenfalls das Denkmalamt bereits grünes Licht gegeben.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 26.01.2012
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