28.01.2012
Tirol

Eine Frage der Gerechtigkeit

Markus Koschuh mag feine, alte Ohrwürmer. Als Kabarettist Koschuh ist er weniger sanft unterwegs. Sein Programm „Agrargemein“ hat am 1. Feber im Treibhaus Premiere.
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Steckbrief

Innsbruck – Ein Bauernbundobmann mit Erklärungsbedarf. Rechtsanwälte, die auf gut Glück Honorarnoten verschicken. Ein Beamter, der in die Pension gemobbt wird. Agrarier als Grundstücksspekulanten. Der Innsbrucker Kabarettist und Poetry-Slam-Spezialist Markus Koschuh hat sich die Tiroler Agrargemeinschaften vorgeknöpft. Die TT traf ihn zu einem Gespräch über sein neues Programm.

Sie hielten ein Café in Innsbruck nicht gerade für einen geeigneten Treffpunkt.

Markus Koschuh: Ein Stehkaffee im Bauernbund wäre sicher auch nett gewesen. Dort hat das Thema Agrargemeinschaften ja angefangen und jetzt will man davon nichts mehr wissen und bezeichnet die anderen als Hardliner.

Wem gehört Tirol?

Koschuh: Die Frage ist eigentlich sehr leicht zu beantworten. Allen. Nicht nur den Tirolerinnen und Tirolern, sondern allen, die in Tirol leben. Das hat nichts mit Kommunismus, sondern mit Gerechtigkeit zu tun. Auf jeden Fall gehört Tirol nicht nur ein paar wenigen.

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Koschuh: Ich bin schon vor Jahren auf die Agrargemeinschaften gestoßen. Allerdings war mir das Thema für die Bühne zu kompliziert. Ich habe es aber nie in irgendeine Schublade gegeben und jetzt die Herausforderung gesucht. Es ist ein erklärendes Kabarett geworden, das seine komischen und witzigen Seiten hat. Man wird nach dem Programm gscheiter hinausgehen.

Was erwartet das Publikum?

Koschuh: Es wird ein Bildungskabarettprogramm mit volksmusikalischen Einlagen unter Beimischung harter Fakten. So könnte man das Programm am ehesten umreißen. Die Nummern werden Einblicke in die Agrargemeinschaften geben, nicht in die bäuerliche Welt. Dieser Unterschied ist mir ganz wichtig. Das Programm ist nicht gegen Bauern. Es ist ein Programm gegen die Agrargemeinschaften, die es sich über die Jahre hinweg gerichtet haben und sich mitunter schamlos wie in Mieming bedient haben. Da sind Dinge passiert, die glaubt man außerhalb von Tirol gar nicht. Eine Familie eines ehemaligen Agrarobmanns etwa hat innerhalb von ein paar Jahren drei Millionen Euro Gewinn macht. Ich kann nicht Grund um 8,70 Euro kaufen und um 340 Euro pro Quadratmeter verkaufen. Jeder normal denkende Mensch will das nicht mehr verstehen.

Was meinen Sie mit volksmusikalischen Einlagen?

Koschuh: Ohrwürmer der volksmusikalischen Tiroler Geschichte, neu getextet und von mir gesungen. Eine volksmusikkundige Person wird mit auf der Bühne sein. Wer, das ist eine Überraschung. Vielleicht werden wir auch die Landeshymne einbauen, auch wenn sie noch so krude gesetzlich geschützt ist.

Momentan ist der Begriff „Wutbürger“ in aller Munde. Darf oder soll ein Kabarettist ein Wutbürger sein?

Koschuh: Zum Selbstverständnis eines Kabarettisten gehört Mut. Ich war während der Recherche viel in Tirol unterwegs und habe mit vielen Leuten geredet. Wenn ich von 90 Prozent der Leute, die mir gewisse Dinge erzählen, höre: „Aber das haben Sie nicht von mir“, dann herrscht Angst vor der Obrigkeit und vor persönlichen Nachteilen. Das kann‘s nicht sein. Ein Kabarettprogramm ist immer auch politisch. Und ein Kabarett ist immer gegen den Mainstream gerichtet. Wenn man im Kabarett nicht mehr mutig ist, muss man es lassen.

Wo haben Sie recherchiert?

Koschuh: Im Oberland, im Außerfern. Im Unterland gibt es nicht so viele Agrar-Hotspots wie im Oberland.

Haben Sie offene Türen vorgefunden?

Koschuh: Die Leute wollen wirklich, dass ich die Umstände der Recherche für mich behalte. Aber ich habe mit Leuten gesprochen, die sich sehr profund mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Auch Agrarobmänner waren dabei.

Schreiben Sie Ihr Programm komplett selbst?

Koschuh: Das ist mein Anspruch. Der eigene Sprachduktus ist bei einem Kabarett sehr wichtig. Ich weiß, wie ich rede, ich weiß, wie ich Sachen lese. Wenn ich mich in ein Thema reinbeiße, dann funktioniert das Schreiben auch. Natürlich habe ich Leute von außerhalb, die sich das Programm anschauen. Einen Pointenschreiber brauche ich nicht, noch fallen mir die Sachen selber ein. Agnes Mair hat mich bei diesem Programm begleitet. Harald Windisch hat mir schauspielerisch schon einige Tipps gegeben.

Als Österreichs amtierender Poetry-Slam-Meister planen Sie neue Projekte an Schulen.

Koschuh: Wir sind ja mit „Text ohne Reiter“ schon länger an Schulen. Anfang März startet das Projekt „Tirol goes Poetry“. Wir machen mit Mitgliedern der Szene einen Schwerpunkt an Tirols Schulen. Eine Woche nach dem Workshop gibt es einen Schul-Poetry-Slam. Aus jeder Klasse treten dann ein, zwei Leute an und rittern um die Krone des Poetry Slam.

Wird man Sie außerhalb von Tirol sehen?

Koschuh: „Agrargemein“ ist ein reines Tirolprogramm. Aber wer weiß? Ich habe vom ehemaligen Landeshauptmann van Staa eine Visitenkarte, auf der er in ein paar Zeilen Fritz Staudigl anregt, sich um einen Auftritt in Brüssel zu bemühen. Bisher war die Ausrede, dass da oben nur bildende Kunst gezeigt wird.

Der Sprung nach Wien?

Koschuh: In Wien, der Kabarettstadt, möchte ich erst auftreten, wenn ich mir ganz, ganz sicher bin. Ich will als Kabarettist nicht auf irgendeiner Bühne stehen, sondern mich nach oben orientieren. So ein Auftritt ist wie das erste Mal eines Jugendlichen, der sich für die große Liebe aufbehält.

Das Gespräch führte Sabine Strobl

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 28.01.2012
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