31.01.2012
Schwaz

Die magische Schlange, das Flugzeug und der Dampfer

Kunstvoll in Stoff gewobene, gestickte und gebatikte Träume: antike Textilien aus Indonesien im Schwazer Haus der Völker.
Hölzerne Ahnenfiguren „bewachen“ die indonesischen Textilien im Schwazer Haus der Völker.Foto: Gert Chesi
Foto: REDAKTION

Von Edith Schlocker

Schwaz – Eigentlich hätte ja die Ausstellung über „Afrikas Moderne im Spiegel der Generationen“ die letzte vor dem Umbau des Hauses der Völker inklusive rund eineinhalbjähriger Schließzeit sein sollen. Doch da der Baubeginn sich nun auf Juni verschoben hat, hat Gert Chesi seine internationalen Verbindungen spielen lassen und so innerhalb eines Monats eine Ausstellung aus dem Hut gezaubert, die sich sehen lassen kann.

„Magische Stoffe – Gewobene Träume“ ist der Titel der Schau, die bestückt ist mit 40 antiken, aus Privatsammlungen zusammengeliehenen Textilien aus Indonesien. Einem riesigen, aus unzähligen Inseln bestehenden Land mit fast ebenso vielen Ethnien. Die durch archaische hölzerne Stellvertreter repräsentiert werden, die vom Zentrum der Sonderausstellung aus das Geschehen „überwachen“.

Wie in praktisch allen Kulturen und Kulten sind auch die alten indonesischen Textilien viel mehr als ein Stoff, aus dem Kleider zum Anziehen oder Objekte zum Dekorieren geschneidert werden. Sie sind Zeichen sozialer Identität, gemacht für Götter, Ahnen, heilige Bäume oder Tempel, die bei Festen durch Textilien verlebendigt werden. Ihre Formen und Muster, die Techniken des Färbens, Webens und Stickens haben sich über Jahrhunderte erhalten und transportieren verschlüsselte Botschaften meist religiösen Inhalts, deren Dekodierung nur Eingeweihten vorbehalten bleibt.

Um aber auch dem Laien höchste sinnliche Genüsse zu bereiten. Etwa die mit wunderschön stilisierten Vögeln und Blüten überzogenen Stoffe aus Java, wo seit vielen Generationen die ursprünglich aus Indien stammende Batiktechnik längst zum Symbol nationaler Identität geworden ist. Einen völlig anderen Charakter haben die Textilien aus Sumatra. Sie sind oft prunkvoll mit Goldfäden, kleinen Spiegelchen, Muscheln und Pailletten verziert. Die Textilien der abgeschieden im Landesinneren lebenden Ethnien sind im Gegensatz dazu viel schlichter. Ihre Farben sind dunkel, ihre Formen rein geometrisch.

Die erstaunlichsten Textilien Indonesiens sind allerdings die Geringsing-Gewebe, die im zeitaufwendigen Doppel- Ikat-Verahren in einem kleinen balinesischen Dorf noch heute hergestellt werden. Getragen werden diese wunderschönen Tücher ausschließlich im kultischen Kontext, um die Götter zu verehren und die zerstörerischen Kräfte zu besänftigen.

Eine Klasse für sich sind die farbenprächtigen Textilien der kleinen ostindonesischen Insel Sumba. In den Mustern dieser einst als wertvolle Prestigeobjekte geltenden Stoffe spielt eine magische Schlange eine zentrale Rolle. Genauso wie Flugzeuge und Dampfschiffe, die zeigen, dass selbst am „Ende der Welt“ die neuen Zeiten längst eingezogen sind.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 31.01.2012
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