01.02.2012
Innsbruck

Die Inszenierung der Einsamkeit

Ivette Löcker wurde für „Nachtschichten” bei der Diagonale 2011 mit dem Dokumentarfilmpreis geehrt.
„Nachtschichten“ beobachtet Obdachlose, Sozialarbeiter und sogar einen Förster. Ein Arbeitsloser sucht nach dem Sinn des Lebens.Foto: Filmladen
Foto: filmladen

Von Peter Angerer

Innsbruck – Österreichische Dokumentarfilmer wie Nikolaus Geyrhalter oder Michael Glawogger werden vor allem wegen ihres Gestaltungswillens gerühmt, dem sie die vorgefundene Wirklichkeit unterordnen. Gemeinsam ist den Dokumentaristen auch die Auswahl der Themen, die sie überwiegend auf fremden Kontinenten finden. Die gebürtige Vorarlbergerin Ivette Löcker war als Slawistin bei Geyrhalters Film „Pripyat“ noch Dolmetscherin und Regieassistentin, seit ihrer Übersiedlung nach Berlin realisiert sie eigene Dokumentarfilme.

Für „Nachtschichten” erhielt sie 2011 bei der Diagonale in Graz den großen Dokumentarfilmpreis. Aber schon nach den ersten Bildern ist zu spüren, dass es Ivette Löcker zum Spielfilm zieht.

Zwei vermummte Graffiti-Sprayer hetzen über verschneite Gleisanlagen eines Berliner Bahnhofs. Auf einen Güterwaggon sprühen sie nicht gerade ein Kunstwerk, schließlich fürchten sie Entdeckung und Festnahme und tatsächlich – Schnitt – verfolgen Polizisten in einem Helikopter mit Nachtsichtgeräten die Aktion. Die Polizisten geben die Beobachtung an das Bodenpersonal durch und suchen nach anderen Ereignissen. Sozialarbeiterinnen fahren mit einem Bus durch die Stadt, helfen Obdachlosen mit einem Becher Tee oder bei der Suche nach einem Schlafplatz. Für Mieko Suzuki beginnt die Nachtschicht überhaupt erst nach Mitternacht. Als DJane legt sie in einem Club Platten auf. Eine Wachschutzfrau kontrolliert ein Industriegelände und erholt sich beim Füttern einer Ente. Zuletzt konnte die uniformierte Frau sogar einen Fuchs beobachten, weshalb sie lieber den Förster informiert. Auch das gibt es in Berlin.

Ivette Löckers Film „Nachtschichten” muss mit ähnlichen TV-Formaten konkurrieren, die dem Thema Nacht oft spektakulärere Ansichten entreißen. Aber gerade das Unspektakuläre ist hier sympathisch. Vom Helikopter aus beobachten Polizisten die ersten Maßnahmen, nachdem sich ein Mann vor einen Zug geworfen hat. „Sieht nicht so aus, als wäre das ein Unfall gewesen“, sagt der Pilot und fliegt in die Nacht.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 01.02.2012
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