Wenn es Sie stört, nennen Sie es nicht Musik
Von Ursula Strohal
Innsbruck – Der Pianist nimmt am Flügel Platz und spielt 4 Minuten und 33 Sekunden lang keinen einzigen Ton. John Cages Stück „4‘33“ löst bis heute Verwirrung aus, das Publikum fühlt sich provoziert. Der Komponist spielt mit der Stille, der der Zuhörer nun ausgesetzt ist und mit den Geräuschen des Umfeldes, die zum Ereignis werden. „4‘33“ ist 1952 uraufgeführt worden.
John Cage, am 5. September 1912 als Sohn eines Erfinders in Los Angeles geboren, wird heuer anlässlich der 100. Wiederkehr seines Geburtstages weltweit mit Konzerten, Festivals, Ausstellungen und Projekten gefeiert. Es gibt nur wenige Künstler, die die Kunst des 20. Jahrhunderts so tiefgreifend beeinflussten wie Cage. Inspiriert u. a. vom Zen-Buddhismus, entwickelte er in den 1940er und 1950er Jahren experimentelle Musikstücke mit ungewöhnlichen Klangquellen, zweckentfremdeten Instrumenten und Alltagsgeräuschen. Er organisierte Klänge und Ereignisse und führte den Zufall als ästhetische Kategorie in seine Arbeit ein. „Sie müssen es nicht Musik nennen, wenn Sie der Begriff stört“, sagte Cage. Seine Ästhetik bildete die Grundlage für die Entstehung der Aktionskünste Happening und Fluxus sowie für den Minimalismus in der Bildenden Kunst und Musik. Viele seiner Arbeiten gelten als Schlüsselwerke, die Abgrenzungen zwischen Musik und Bildender Kunst, Konzert und Performance auflösten.
1992, nur wenige Wochen vor dem Tod des Künstlers am 12. August, war John Cage drei Tage lang Gast der Galerie St. Barbara in Hall, gab Einführungen zu Konzerten mit seinen Werken und Lectures. St. Barbara war immer schon ein Ort, um sich mit Cage auseinanderzusetzen, und ist es bis heute. Die Aktion „21 Orte“ im Vorfeld des diesjährigen Osterfestivals Tirol vom 23. März bis 8. April 2012, jeweils um 15 Uhr, wird Schauplatz kleiner Ereignisse sein, die sich gegen den Strom des Alltags stellen und oftmals John Cage oder Werken, die sich auf ihn beziehen, gewidmet sind (Details auf www.osterfestival.at).
Beim Konzert des Tiroler Landesjugendorchesters im Rahmen des Osterfestivals am 24. März im Innsbrucker Congress wird „4‘33“ aufgeführt. Zuvor widmen sich Schüler des Innsbrucker Musikgymnasiums Cages „Musicircus“ von 1967. Im Herbst wird es in der St. Barbara-Reihe „musik+“ ebenfalls Begegnungen mit Cage-Werken geben, das Programm ist in Planung.
Cage wird heuer weltweit gefeiert. Im Wiener Museumsquartier wird am 16. Februar die internationale Gruppenausstellung „Membra Disjecta for John Cage“ eröffnet, in der bis 6. Mai mehr als 50 Künstler Arbeiten zeigen, die sich mit ihm auseinandersetzen. In der Berliner Akademie der Künste läuft ein ganzjähriges Programm zur Wirkung von Cages Schaffen. Im Mai eröffnet in Darmstadt die Ausstellung „A house full of music“ zu Strategien in Kunst und Musik. Und in New York werden John Cages Arbeiten auf Papier ausgestellt.



