02.04.2012, 14:47 
Landestheater-Intendant

„Ich fühle mich beflügelt“

„Stillstand ist der Tod des Theaters“, ist der neue Landestheater-Intendant Johannes Reitmeier überzeugt. Mit der TT spricht er über Veränderung, Druck und Kulinarik.
Am 1. September öffnet sich am Landestheater die Tür für den neuen Intendanten Johannes Reitmeier.
Foto: TT / Thomas MURAUER

InnsbruckSie treten am 1. September Ihren Dienst als Intendant des Tiroler Landestheaters an. Was überwiegt zurzeit: Nervosität oder Vorfreude?

Johannes Reitmeier: Das ist wie immer bei uns Theaterleuten eine Mischung. Ich bin schon 25 Jahre im Geschäft und habe selbst bei Produktionen, die in meinen Augen sehr gut gelaufen sind, mein Lampenfieber nicht ablegen können. Ähnliches gilt jetzt für Innsbruck – es ist ein Mix aus großer Vorfreude und der persönlichen Angst, wie man aufgenommen und starten wird. Das bleibt ja immer eine große Unbekannte. Aber eigentlich fühle ich mich beflügelt.

Sie sind zuletzt oft nach Innsbruck gekommen, um sich verschiedene Inszenierungen anzuschauen. Bei Ihrer Vorstellungspressekonferenz im Mai 2011 haben Sie erklärt, dass im Schauspiel Handlungsbedarf herrsche. Gilt dies auch für die anderen Sparten?

Reitmeier: Handlungsbedarf ist vielleicht ein zu negativ gefärbtes Wort. Aber nach einer langjährigen und erfolgreichen Ära muss man irgendwann auf Veränderung setzen, auf neue Gesichter, neue Inhalte, neue Schwerpunkte. Diese Fortentwicklung ist das Wesen des Theaters. Ich habe Kaiserslautern nicht verlassen, weil ich auf der Flucht war, sondern weil ich in mir gespürt habe, dass ich mich verändern will. Alles andere würde zum Stillstand führen und das wäre der Tod eines lebendigen Theaters.

Wie ist Ihr aktueller Eindruck vom Haus, wo braucht es Veränderung?

Reitmeier: Das Landestheater agiert auf hohem Niveau und legt eine unbestreitbare künstlerische Qualität vor. Nichtsdestotrotz tritt auch hier der Effekt einer Gewöhnung ein, der schon einmal eine neue Akzentuierung braucht. Als ich von Handlungsbedarf sprach, habe ich mich auf meinen Vergleich der Auslastungszahlen bezogen. Hier habe ich gemerkt, dass das Musik- und Tanztheater beim Publikum einen höheren Stellenwert genießen als das Schauspiel. Und das ist ein Zustand, dem man sich an einem Drei-Sparten-Haus nicht automatisch beugen muss. Man sollte darauf hinarbeiten, dass alle Sparten gleichermaßen akzeptiert werden.

Das Tiroler Landestheater bekommt mit Roger Boggasch zum ersten Mal einen Opernchef. Zudem nehmen Sie Schauspieldirektor Thomas Krauß und Chefdramaturgin Christina Alexandrinis nach Innsbruck mit. Wie werden die Kompetenzen aufgeteilt?

Reitmeier: Meine Kernkompetenzen habe ich immer als Drei-Sparten-Intendant empfunden. Ich war als Regisseur regelmäßig im Musiktheater und im Schauspiel tätig, weil ich glaube, dass sich diese Sparten gegenseitig sehr befruchten. Als Intendant wurden mir im Schauspiel oft die groß dimensionierten Stoffe anvertraut, bei den intimen Kammerspiel-Stoffen herrscht bei mir hingegen wohl etwas Nachholbedarf. Deshalb möchte ich in meiner ersten Spielzeit auch unbedingt etwas in den Kammerspielen inszenieren. Aber zurück zur Kompetenz: Ich bin hauptverantwortlich für die Erstellung des Spielplans, sehe mich aber durchaus als Teamplayer, weshalb auch meine Spartenleiter mit mir am Tisch sitzen, wenn es um den Spielplan geht. Oft ist es gut, wenn man von Kollegen von irgendeinem Irrweg abgebracht wird. Aber ich muss schon zugeben, dass ich in der Spielplangestaltung sehr bestimmend bin.

Sie werden auch eine Theaterpädagogin installieren. Was kann die Dame tun, was bisher nicht getan wurde?

Reitmeier: In Innsbruck wurde in Sachen junges Theater schon viel getan, aber die Theaterpädagogik geht natürlich weiter. Sie will persönlichkeitsbildend wirken durch ein Kursangebot, das nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Auszubildende und Senioren anspricht. Nina Velmer ist in Kaiserslautern damals wie ein Wirbelwind aufgetaucht – und die Nachfrage nach ihren Kursen war von Anfang an enorm. Deshalb habe ich sie auch gebeten mitzukommen. Es wird nächstes Jahr übrigens zum ersten Mal auch eine mobile Oper geben, die in die Schulen geschickt wird.

Hinter den Kulissen wird es also viele neue Gesichter geben, wie sieht es auf der Bühne aus? Wer kommt, wer geht?

Reitmeier: Ich wollte in keiner Weise ein Ensemble nehmen und dieses verpflanzen, deshalb begleiten mich im Schauspiel-Ensemble auch nur zwei Kolleginnen aus Kaiserslautern. Die anderen neuen Mitglieder im Schauspiel-Ensemble stammen von allen möglichen deutschsprachigen Bühnen, wo wir sie erfolgreich haben spielen sehen. Vom Ensemble in Innsbruck werden acht Kolleginnen und Kollegen bleiben. Im Musiktheater gibt es personell eine größere Konstante, aber auch hier wird es zu Veränderungen kommen.

Wie groß ist der Druck auf ein Theater, Uraufführungen zu zeigen?

Reitmeier: Der Druck der Medienöffentlichkeit ist relativ hoch. Ich verstehe auch den Wunsch, dass sich ein Theater dem Neuen stellt. Erfahrungsgemäß nimmt das Publikum viele dieser Uraufführungen aber als Pflichtübung hin – sein Ruf danach ist eigentlich nicht so spürbar. Aber natürlich muss man sich diesem Genre widmen, egal ob das Publikum danach dürstet oder nicht. Doch in letzter Zeit gab es bedingt durch diesen Druck vor allem im Sprechtheater eine Uraufführungsflut – und die hat nicht durchwegs zu überzeugenden Ergebnissen geführt. Mich interessieren vielmehr neue Werke, die ich gesehen habe und von denen ich überzeugt bin, dass sie eine zweite Chance verdienen. Im Zweifelsfall ist mir eine österreichische Erstaufführung wichtiger als eine prestigeträchtige Uraufführung.

Sie haben einen Hang zu historischen und mythologischen Stoffen und etwa das mittelalterliche Mysterienspiel „Ludus Danielis“ geschrieben. Was fasziniert Sie an dieser Zeit? Und wird Innsbruck diese Leidenschaft zu spüren bekommen?

Reitmeier: Das ist vermutlich diese Mischung aus transzendenten und sehr erdigen Elementen. Deshalb haben mich Theaterstoffe wie „Jedermann“ oder „Faust“ auch immer gefesselt – das sind Menschheitsmythen, die mich nicht loslassen. Und ich will diese Leidenschaft natürlich auch mit dem Innsbrucker Publikum teilen. Der „Jedermann“ ist ein so interessanter Stoff, den man durchaus aus seinem Spectaculum-Korsett befreien könnte.

Ein Blick auf Ihr Repertoire zeigt, dass Sie sich immer wieder mit den Frühwerken großer Komponisten beschäftigt haben. Wie kommt das?

Reitmeier: Grundsätzlich interessiere ich mich für das Unentdeckte, für das zu Entdeckende. Eigentlich will ich nicht unwidersprochen hinnehmen, dass manche Kompositionen zu stets gespielten Meisterwerken sich verankern und andere ein Schattendasein führen. Manchmal hat das schon seine Gründe, aber manches ist zu Unrecht in der Versenkung verschwunden.

Nehmen Sie die Tiroler Festspiele Erl eigentlich wahr? Spielen Sie eine Rolle für Ihre Arbeit am Landestheater?

Reitmeier: Wenn Sie damit die Konkurrenzsituation meinen, dann kann ich das jetzt noch nicht beurteilen. Im Moment fürchte ich mich nicht davor, sondern finde eher spannend. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es gut ist, wenn das Kulturangebot einer Region groß und vielfältig ist. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass niemand niemandem etwas wegnimmt – je mehr Kulturangebote es gibt, umso kulturversessener wird ein Publikum.

Es heißt, Sie sind als Intendant sehr präsent im Haus. Was tun Sie, wenn Sie nicht im Theater sind?

Reitmeier: Im Winter gehe ich gern Ski fahren – da kommt mir Tirol natürlich sehr gelegen. Wirkliche Hobbys habe ich eigentlich nicht, aber die Theaterleidenschaft geht für mich weit über das eigene Haus hinaus. Ich fahre viel herum und schaue mir interessante Stücke an. Abgesehen davon reise ich sehr gerne. Ansonsten habe ich leider ein Faible für gutes Essen – was ja immer seine Folgen hat. Und wenn ich höre, dass man irgendwo ganz besonders gut isst, dann nehme ich auch eine lange Wegstrecke auf mich. Selber kochen kann ich nämlich nicht. Außerdem geh‘ ich unglaublich gern ins Kino – und manchmal ertappe ich mich bei meinen Regiearbeiten auch beim Einbauen von filmischen Sequenzen.

Das Erbe, das Sie antreten, ist kein leichtes. Brigitte Fassbaenders Ruf ist beachtlich. Muss man das ausblenden, um unbeschwert arbeiten zu können?

Reitmeier: Nein. Ich finde es eher traurig, wenn man sich bei einer neuen Aufgabe komparativ verhält. Ich würde mich nie über den Erfolg oder Misserfolg meiner Vorgänger definieren. Und mir ist diese Ausgangssituation eine sehr liebe – schließlich ist es nicht erstrebenswert, einen Scherbenhaufen zu übernehmen, nur um sich profilieren zu können. Abgesehen davon verlangt mir die Lebensleistung von Brigitte Fassbaender allergrößten Respekt ab. Ich gehöre zu einer Generation, die die Oper durch sie kennen gelernt hat. Und deshalb fällt es mir bis heute schwer, „Hallo, Frau Kollegin“ zu ihr zu sagen.

Was soll man in einem Jahr über die erste Spielzeit unter Ihrer Intendanz sagen?

Reitmeier: Dass wir angekommen sind. In allen Bedeutungen dieses Wortes.

Das Gespräch führte Christiane Fasching.

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 02.04.2012  14:47
Weitere Artikel zum Thema
Musik   Di, 12.03.2013

Innsbrucker Festwochen der Alten Musik: Mozart-Oper zum Auftakt

Reich bestückt wie nie ist heuer auch das Rahmenprogramm.

Bühne   Fr, 26.10.2012

Neuer Tiroler Landestheater-Intendant wünscht sich Moretti-Gastspiel

Johannes Reitmeier könnte sich vorstellen, den Tiroler Schau...

Kammerspiele   Mo, 01.10.2012

Beschwingtes Doppelspiel mit alten Bekannten

Die Schauspiel-Saison am Tiroler Landestheater begann am Son...

Events · Kino · TV · Motor · Multimedia · Musik · Stars · Leben ·
AGB Kontakt Impressum