Gescheiterte Beziehungen
Von Peter Angerer
Innsbruck – Aus unterschiedlichen Gründen halten sich Regisseure bezüglich ihres Privat- und Familienlebens gerne bedeckt. Berühmte Ausnahmen wie Martin Scorseses Erzählungen über seine katholisch-italienische Herkunft erklären viel über die Erzählweise in seinen Kinoarbeiten. Jonathan Demme verfolgt mit Dokumentarfilmen über seine Familie ein soziales und politisches Engagement. Österreichische Filmemacher nützen den Familienfilm als Brancheneinstieg. Arash T. Riahi hat mit „Exile Family Movie“ seine weltweit verstreute persische Großfamilie porträtiert.
Die junge Regisseurin Wilma Calisir ist mit ihrem ersten Kinofilm „Sommer 1972“ noch auf der Suche nach ihrer Sprache für das Kino und für ihre Herkunft. Mit einem (türkischen) Onkel macht sie sich auf den Weg in die Türkei, um den dort lebenden Teil ihrer Familie zu besuchen.
Im niederösterreichischen Waidhofen an der Ybbs befragt die Regisseurin ihre Mutter Ulrike, die sich im Sommer 1972 in den jungen, blonden Türken Osman Calisir verliebt hat. Einige Monate später stand Osman mit einem Koffer vor Ulrikes Elternhaus. Während Ulrike in der Hauptschule unterrichtete, brachte Osman die erste Pizza nach Waidhofen, doch das gastronomische Projekt scheiterte an der richtigen Einschätzung der Wirklichkeit. Die Österreicherin und der Türke heirateten in Abwesenheit von Ulrikes Familie. Nach zwei Töchtern und fünf Jahren scheiterte auch dieses Projekt. Osman möchte sich nicht an alles erinnern oder nicht darüber reden. Vieles erahnt man aus Andeutungen, spürt auch, dass weitere Fragen nur Gräben aufreißen würden. Am Ende der Reise zu Osmans Familie ergibt sich die absurde Situation, dass diese miteinander verwandten Menschen nicht miteinander reden können. Die Bilder sind stark genug.



