Wie Menschen hassen lernen
![]() Foto: TLT/Larl
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Von Ursula Strohal
Innsbruck – Es ist kein Musicalabend zur Berieselung. Wer rauschende Kostüme, Spiegeleffekte und Einheitsklangbrei sucht und im Übrigen in Ruhe gelassen werden will, geht besser in „Elisabeth“ oder die Eisrevue. Der Plot von „SHyLOCK!“ geht unter die Haut, die Musik hat Anspruch, der Hauptdarsteller Chris Murray ist grandios. Nicht alles geht auf, aber es ist ein großer Abend. Stephan Kanyars Musik entwickelt sich nach „Lulu – Das Musical“ folgerichtig weiter und hat Wiedererkennungswert. Wie „Lulu“ ist der durchgereimte Text durchkomponiert mit Zwischenmusiken, Kanyar verbindet Jazziges und Opernhaftes mit Elementen der Unterhaltungsmusik.
Die Songs sind ganz Musical, Kanyar bleibt nah am Wort und liefert im Orchester den Subtext dazu. Mit verschiedenen Mitteln charakterisiert er Menschen, Gruppen, Zeiten, Aktionen. Treibende, lockere, groovende Rhythmen, Synkopierungen, Tanzrhythmen stehen für die Sorglosigkeit, Bösartigkeit und Verletzungen gegenüber Shylock, ihm selbst gehören introvertierte Melodiebögen, verzweifelte Intervallsprünge, hasserfüllt Rezitativisches. Kühl die Musik der intellektuellen Portia, mädchenhaft jene der jungen Jessica. Zur emotionalen Manipulation liefern die unterschiedlichen „SHyLOCK!“-Welten reiche Möglichkeiten, kalkuliert sind große Gefühlsausbrüche, die auch nur im Orchester liegen können. Der Komponist steht selbst am Pult, das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, das die Musik schon eingespielt hat – die CD liegt auf – geht gut auf Kanyar ein, war bei der Premiere am Samstag im ersten Akt aber noch steigerungsfähig.
In Venedig stehen sich die Kaufherren Shylock und Antonio seit Kindertagen als Kontrahenten gegenüber. Jude und Christ, Träger zweier Religionen. Von den Christen zu einem beherrschenden Thema erhoben, dem Juden durch Unterdrückung zum Thema geworden. Antonio borgt für seinen Freund Bassanio, der die gebildete Portia heiraten will, Geld von Shylock und dieser will bei nicht rechtzeitiger Rückerstattung als Pfand „ein Pfund Fleisch“ aus Antonios Brust. Der Fall tritt ein, Shylock bleibt hart, Portia als Rechtsanwältin erklärt, es sei allein von Fleisch die Rede, nicht von Blut – Christenblut –, und rettet damit Antonio. Librettistin und Shakespeare-Kennerin Brigitte Fassbaender beschäftigte die Frage nach dem abgrundtiefen Hass Shylocks in Shakespeares Tragikomödie „Der Kaufmann von Venedig“. Sie schrieb fiktive Stationen seiner Biografie, die, mit einer Signation von Kanyar versehen, als formgebende Rückblicke zwischen die Handlung geschoben werden und damit die Mechanismen von Rassismus, Fremd- und Anderssein freilegen. Da wird das Kind Shylock von Internatsmitschülern drangsaliert und vom Aufsichtsgeistlichen als Kind beschützt, als Jude aber fortgejagt. Da weist er die homoerotischen Neigungen Antonios zurück und heiratet Leah, die bei der Geburt der Tochter Jessica stirbt. Shylock hütet das Mädchen streng, das mit dem Christen Lorenzo durchbrennt.
Pierre Wyss inszeniert straff, verständlich, emotional. Helfried Lauckner baute ihm dafür einfache Galerien, die sich zu venezianischen Plätzen, Gassen und Interieurs verschieben lassen. Michael D. Zimmermann kostümierte unauffällig, Choreographie Enrique Gasa Valga. Der Chor markiert die Sensationslust der Venezianer, großartig die Auftritte der weißen, der Commedia dell’Arte entsprungenen Tänzer, die von Karnevalslust über Schemenbedrohung bis zur Pogrom-Andeutung die Zuschauerphantasie beschäftigen.
Starke Szenen, ein Einbruch lediglich – mit Ausnahme der Figur Shylocks – im Gerichtssaal. Unglaubwürdig in Hinblick auf die Rückblenden ist der Altersunterschied zwischen der reifen Jugendlichkeit Antonios und dem alt beschriebenen Shylock. Gesungen und gespielt mit Kopf, Herzblut, Nähe zum leidenschaftlichen Text und unglaublicher Intensität wird Shylock von dem hinreißenden Chris Murray. Erstklassig besetzt die venezianischen Herren, Antonio mit Peter Bording, Bassanio mit Matthias Stockinger und Lorenzo mit Ansgar Matthes, stark abfallend dagegen die Portia von Anna Veit, etwas unterbelichtet Christa Schreiners Jessica. Dazu die Wiltener Sängerknaben und sich bewährende Kräfte in kleinen Rollen.
aktualisiert: Mo, 07.05.2012 07:25



