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Bühne

„Mit Pauken und Trompeten“: Neues Festspielhaus in Erl eröffnet

Mit einem Festakt wurde am Mittwoch das neue Festspielhaus in Erl eröffnet. Landeshauptmann Günther Platter ehrte Mäzen Hans Peter Haselsteiner.

Erl – „Mit Pauken und Trompeten“, so begrüßte Hans Peter Haselsteiner, Bauunternehmer und Präsident der Tiroler Festspiele die Ehrengäste am Mittwochabend bei der Eröffnung des neuen Festspielhauses in Erl. Haselsteiner hat den Bau selbst mit 20 Millionen Euro finanziert, Bund und Land haben je acht Millionen Euro beigetragen. Eröffnet wurde das Festspielhaus mit Belcanto-Arien, zwei Uraufführungen und der Bartok-Oper „Herzog Blaubarts Burg“ in der Regie von Intendant Gustav Kuhn.

„Es ist die Pflicht von Wohlhabenden, einen angemessenen Teil des Reichtums über die Steuern hinaus an die Allgemeinheit zurückzugeben“, sagte Haselsteiner in seiner Eröffnungsrede. „Aber es wäre schändlich von der öffentlichen Hand, dies als Argument zu nutzten, um sich aus der Finanzierung von Projekten wie diesen zurückzuziehen“, so Haselsteiner, der sich dezente Spitzen Richtung Bayreuth und Salzburg nicht verkneifen konnte. „Hier in Erl werden Modernität und Werktreue gepflegt für Bayreuthflüchtlinge und von Regisseuren, die die Partitur kennen und weder die Künstler auf der Bühne noch das Publikum mit Obszönitäten beleidigen. Und das mit einem derart dichten Arbeitspensum, vor dem andere einfach kapitulieren.“

Landeshauptmann Günther Platter verlieh Haselsteiner das Ehrenzeichen des Landes Tirol und hob hervor: „Das ist die höchste Auszeichnung, die wir im Land vergeben können!“

„Größter Orchestergraben der Welt“ und 450 Quadratmeter große Bühne

Entworfen wurde das neue Haus der Tiroler Festspiele vom Wiener Büro Delugan Meissl Architects. Den Planern ist eine markante, in schwarz und weiß gehaltene Fassade gelungen, die neben dem nur im Sommer bespielbaren Passionsspielhaus mutig und zurückhaltend zugleich wirkt. Drinnen ist Platz für bis zu 862 Zuschauer, denen auf steiler Tribüne durchwegs hervorragende Sicht auf den „größten Orchestergraben der Welt“ sowie eine 450 Quadratmeter große Bühne geboten wird.

Auch die Akustik scheint hervorragend - zumindest in der 21. Reihe war ein samtig weiches, warmes Klangbild zu vernehmen, in dem sich die Stimmen der Sänger klar vom groß besetzten Orchester sowie der Chorakademie der Tiroler Festspiele abhoben und sich dennoch homogen vermischten. Eine kulinarisch angenehme Akustik, die zum Genießen taugt, sängerfreundlich ist und Fehler zu verdecken scheint. Für präzises analytisches Hören mag es an harter Brillanz fehlen, insgesamt haben die Akustiker aber ein wirklich gutes Ergebnis erzielt. Sogar die Stimme des Sprechers Gustav Kuhn war ohne Mikrofon bis ganz in die letzte Reihe hinauf deutlich und wortverständlich.

Kuhn „seit Richard Wagner der erste Musiker, dem ein eigenes Festspielhaus gebaut wird“

Stichwort Gustav Kuhn - er ist laut Landeshauptmann Platter, „seit Richard Wagner der erste Musiker, dem ein eigenes Festspielhaus gebaut wird.“ Dennoch ließ der Maestro beim Eröffnungskonzert jungen Dirigentenkollegen den Vortritt in den Belcanto-Arien von Rossini, Donizetti und Bellini, die von den Solisten aus Kuhns Sänger-Ausbildungsstätte „Accademia di Montegral“ bei Lucca samt und sonders auf gutem Niveau gegeben wurden. Kuhn selbst trat - übertriebene Bescheidenheit wäre nicht seine Sache - am ersten Abend im neuen Festspielhaus „bloß“ als Regisseur und Komponist in Erscheinung.

Zum einen inszenierte Kuhn Bela Bartoks Einakter „Herzog Blaubarts Burg“, wobei er die insgesamt neun Frauen aus den Blaubart‘schen Seelengefängnissen in lasziven Kostümen von Lenka Radecky auftreten ließ. Auf der präzis ausgeleuchteten Bühne von Jan Hax Halama machten aber vor allem die beiden Sänger Andrea Silvestrelli und Marianna Szivkova gute Figur und bescherten dem Premierenpublikum emotional starken und zudem international festspieltauglichen Operngenuss.

Zum anderen sorgte Kuhn als „Angelo di Montegral“ mit einer zweiteiligen „Hommage a Bartok“ für eine Uraufführung im alten Stil, bei der er alle romantisch-bombastischen Register zog und irgendwo zwischen „Phantom der Oper“ und „Richard Wagner goes Hollywood“ zum Liegen kam. Aber knapp und gefällig sind Kuhns „Angelo-Kompositionen“ durchaus, und so wurde die musikalische Tradition ins neue Festspielhaus nach Erl geholt und zugleich bürgertauglich „vergegenwärtigt“. (APA, TT.com)