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Schnörkellos-leichter „Figaro“ im neuen Festspielhaus Erl

Junge Stimmen überzeugten in der ersten Opernproduktion der Winterfestspiele Tirol. Regisseur und Dirigent Gustav Kuhn erntete Jubelsalven.

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Erl – Bot der Eröffnungsfestakt am Mittwoch noch eine wilde Mischung aus Donizetti und Bartok, so hatte das neue Festspielhaus in Erl seine wahre Feuertaufe mit Mozarts „Le Nozze di Figaro“ zu bestehen. Gustav Kuhn startete das Opernprogramm der ersten Winterfestspiele im kleinen Tiroler Dorf in seiner bewährten Doppelfunktion als Regisseur und Dirigent mit einer schnörkellosen Da Ponte-Produktion. Dabei strich der Maestro die Stärken dieses architektonischen und vor allem akustisch gelungenen neuen Festspielhauses heraus. Allgemeine Jubelsalven für Kuhn und seine vorwiegend jungen Sänger nach einem langen Mozart-Abend.

Kuhns Mozart-Klang ist keinen Moden unterworfen

862 Plätze hat das neue Haus, und bis in die hinterste Reihe sind ungetrübte Sicht und ungetrübter Hörgenuss möglich. Dies kommt einer derart handlungs-und personalintensiven Oper wie dem „Figaro“ freilich zugute. Vor allem in den heiklen Final-Ensembles sind die Stimmen sehr klar voneinander unterscheidbar, ohne dass man einen zu direkten, aggressiven Klang konstatieren müsste. Das ist natürlich auch Gustav Kuhn zu danken, der im Orchestergraben sorgsam die Fäden zieht und die Sänger über so manche Klippe führt. Kuhns Mozart-Klang ist keinen Moden unterworfen. Jenseits aller gültigen historischen Aufführungspraxen werden Rezitative mit dem Klavier begleitet, und das Tiroler Festspielorchester darf geradezu romantische Klangfülle walten lassen. Kuhn bleibt dabei trotzdem stets dynamisch differenziert und tempodramaturgisch nachvollziehbar.

Als Regisseur bleibt Kuhn seinem Stil treu, die Geschichte schnörkellos und aus der Partitur heraus zu erzählen. Jan Hax Halama hat dem Maestro eine auf wenige Objekte reduzierte Bühne geschaffen - einen Würfel, ein Bett und wenige Stühle. Durch präzise Lichteffekte entsteht eine ätherische Nachtstimmung oder eine gräfliche Lounge. Mehr braucht es auch nicht, um dem Verwechslungsspiel im Hause Almaviva einen (abstrakten) Rahmen zu geben. Und den nutzen die zahlreichen jungen Stimmen, die Kuhn hinreißend natürlich spielen lässt.

Entdeckung: Sophie Gordeladze als „Susanna“

Wieder erweist sich Erl als Pool für Sänger-Entdeckungen wie Sophie Gordeladze als „Susanna“. Die Georgierin verfügt zudem über einen farbenreichen, schlanken Sopran, der in der hochsensiblen Erler Akustik wunderbar zur Geltung kommt. Herrlich zart und berührend gestaltet Sabina von Walther als „Gräfin“ ihr „Porgi Amor“, von Kostümschneiderin Lenka Radecky mit elegantem Jackie-Kennedy-Look versehen. Maria Ladurner feiert als jugendlich kecke „Barbarina“ überhaupt ihr Bühnendebüt.

Geradezu routiniert wirken da die männlichen Partien: Giulio Boschetti gibt einen kraftstrotzenden „Figaro“ von strahlendem Belcanto-Stimmglanz, Erl-Stammgast Michael Kupfer muss als „Conte Almaviva“ seinen markanten Wagner-Bariton mitunter zügeln. Nur Emily Righter als „Cherubino“ wird ein Opfer der transparenten Akustik, die die Timing-Probleme der Sängerin gnadenlos deutlich hörbar macht. Der in bester Fellini-Tradition tuntige „Don Basilio“ Ferdinand von Bothmers sowie Rita Lucia Schneider und Johannes Schmidt als schräges Pärchen „Marcellina“ und „Bartolo“ hingegen fügen sich wunderbar in das homogene Sänger-Ensemble. Das Publikum bejubelte diesen unprätentiösen Mozart-Abend, der Lust auf mehr Opern in Erls neuem Schmuckstück macht.

Gelegenheiten dafür gibt es - bei den Winterfestspielen in Erl steht neben dem „Figaro“ morgen, Samstag, noch Verdis „Nabucco“ an, für deren Bühne erstmals der Architekt Roman Delugan, der auch das Festspielhaus konzipierte, verantwortlich zeichnet. Im Sommer 2013 folgt zudem Verdis Trias „Rigoletto“, „Il Trovatore“ und „La Traviata“. (APA)

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