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Konzert

Hymnen gegen das System – Bombastische Muse-Show in Wien

Angekommen im Mainstream, aber ohne auf die Fanbasis zu vergessen. Die britische Band Muse lieferte am Montag in der Wiener Stadthalle eine audio-visuelle Show vom Feinsten ab.

Aus Wien: Simon Hackspiel

Steigende Aktienkurse flimmern in Laufschrift über Bildschirme, darunter mischen sich zufriedene Gesichter von Börsenspekulanten. Doch wir befinden uns nicht etwa an der New Yorker Wall Street, sondern auf dem Konzert der britischen Band Muse in der Wiener Stadthalle. Die drei Musiker haben unter einer verkehrt von der Decke hängenden Pyramide Stellung bezogen, welche als gigantische Videowall dient. Glückliche Manager blicken von diesen Bildschirmen ins Publikum – womit die zentrale Message des schwebend-melodiösen Songs „Animals“ unterstrichen werden soll: „Die Finanzwirtschaft dient nur einer kleinen Elite und ist außer Kontrolle“.

Doch plötzlich ein Gitarrenriff wie ein Blitz von Bandleader und Sänger Matt Bellamy, die Mienen der Spekulanten verfinstern sich, die Kurse stürzen ab. Der Sound wird immer dramatischer. Eine Abwärtsspirale, die die Wirtschaft in den Abgrund reißt, wird in Gang gesetzt. Der letzte hymnische Appell von Bellamy an die Spekulanten: „Kill yourself, come on and do us all a favour“ („Zerstört euch selbst, tut uns allen einen Gefallen“).

Gedanken über das Wohl unseres Planeten

Doch nicht nur in diesem Lied der drei Ausnahmemusiker geht es um die Gier als zerstörerische Kraft. Muse machen sich offensichtlich Gedanken über das Wohl unseres Planeten und versuchen den Zuhörern mit ihren Texten eine Botschaft zu übermitteln: „Der Mensch wird an sich selbst zugrunde gehen, wenn er so weiter macht.“ Wie beim Vorgänger-Album „Resistance“, rufen Muse auf dem aktuellen Werk „The 2nd Law“ zum Widerstand gegen die Auswüchse des herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsystems auf, wenn auch etwas subtiler.

Gleichzeitig ist der Mut, mit dem die Band in immer neue musikalische Sphären vordringt, durchaus beachtlich. Waren in den Anfängen noch eingängige Rockhymnen ihr Markenzeichen, gehören mittlerweile auch vielfältige elektronische Elemente wie Dubstep zum Repertoire von Muse.

Songs und Publikum bunt gemischt

Bei ihrem Auftritt in der fast ausverkauften Stadthalle trat dieser Kontrast deutlich zutage. Zwar vermochte nicht jedes neue Lied alteingesessene Fans auf Anhieb mitzureißen, doch Stimmungsloch gab es deswegen keines. Das liegt wohl daran, dass es Muse gelungen ist, seine Fanbasis durch Mainstream-tauglichere Songs zu vergrößern, ohne dabei zu viele langjährige Anhänger zu vergraulen. Und so war auch das Publikum in Wien bunt gemischt – vom langhaarigen Rocker, der bei Klassikern wie „Stockholm Syndrome“ ausflippt, bis zum Teenie-Mädchen, das zurückhaltend zum aktuellen Hit „Madness“ tanzt.

Die bombastische Show, in deren Mittelpunkt die eingangs erwähnte variable Videowall-Pyramide stand, tat ihr übriges dazu, dass dieser Abend den gut 16.000 Besuchern sehr lange in Erinnerung bleiben wird. Schafft es die Band auch weiterhin ihre Kreativität derart gelungen zu inszenieren, wird sich ihr Erfolgslauf noch lange fortsetzen. Oder um es mit den Worten der Finanzbranche zu beschreiben: Gäbe es Muse-Aktien, die Spekulanten würden sich darauf stürzen.