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Zwei Operngiganten neu umkreist

Die Klassikwelt steht heuer im Zeichen von Richard Wagner und Giuseppe Verdi, die vor 200 Jahren geboren wurden und die Oper revolutionierten. Zum Jahresende setzte die Bücherflut ein.

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Von Ursula Strohal

Innsbruck – Wagner-Forscher Martin Geck hat viel über den Sachsen geschrieben, Grundlegendes auch über Bach, Mozart, Schumann u. a., er leuchtet Gegenstand und Zeit aus verschiedenen Perspektiven an. Da fügt sich vieles, eröffnet sich manches, da bleibt in einem Forscherleben Kostbares am Wegrand, das oft spannender zu erfahren wäre als der Basistext. In seine neue Biografie „Wagner“ hat Geck solche Erfahrungen und Erkenntnisse eingebracht. Das Buch schreibt kein älteres um, ist auch keine Biographie im landläufigen Sinn – der Leser sollte kein Wagner-Einsteiger sein. Dann aber wird es reich.

Geck geht musiktheoretisch, kulturgeschichtlich und philosophisch durch Wagners Werke, zeitgebundene Begleitumstände berücksichtigend und das Ergebnis auf unsere Zeit hin befragend. In Zwischenkapiteln werden Sichtweisen von Zeitgenossen und Nachgeborenen eingebracht, das letzte Kapitel heißt „Wagner: Spürhund der Moderne“. Geck hat viel zu bieten. Dabei reizt er nicht abgesichertes Material weiter aus, „will nicht Wagner auf die Schliche kommen, sondern mir selbst und meiner Zeit“. Die Fragen, die er stellt, zu beantworten, überlässt er dem Leser.

Wer es einfacher will, faktenreich und narrativ, findet bei dem britischen Musikkritiker und Wagner-Autor Barry Millington viel Stoff zu Wagners Person, Philosophie, Werk, Rezeption und Eigenheiten – bis hin zur rosa Unterwäsche. Antisemitismus und Nazizeit sind keineswegs ausgespart. Umso befremdlicher, wenn Millington im „Ring“-Kapitel seinen Landsmann Simon Goldhill kommentarlos zitiert. Dieser sieht im „Ring des Nibelungen“ die „utopische Vision eines rassisch erneuerten, rein menschlichen deutschen Geistes, der von allen fremden (insbesondere jüdischen und französischen) Elementen gereinigt ist“. Solche Passagen und grobe (Übersetzungs-)Fehler – in demselben Kapitel: „Siegfrieds Fahrt rheinabwärts“ statt „Siegfrieds Rheinfahrt“ – sprechen dann doch gegen eine Empfehlung.

Der Historiker und Kulturpublizist Eberhard Straub wählt mit der Form einer Doppelbiographie in „Wagner und Verdi“ einen unkonventionellen Weg. Er geht mit den beiden Komponisten, die sich nie trafen, aber musikalisch kannten und eifersüchtig zur Kenntnis nehmen mussten, durch europäische Städte. Er führt von Mailand, dem Ort des jungen Verdi, und Wagners Geburtsstadt Leipzig nach Paris, die Stadt, die ihnen Niederlagen bescherte, nach Wien, wo Verdi gefeiert und Wagner umstritten war und weiter nach Bologna, Bayreuth und Venedig. Der Autor will die jeweils national vereinnahmten Musiker als Europäer darstellen, was bei Verdi problemlos gelingt, eingeschränkt aber bei Wagner, dessen „Meistersinger“-Oper er ohne deren nationalistische Problematik sieht. Auch Wagners Antisemitismus und die Folgen sind unzureichend in das Thema eingebunden.

Wer sich von Giuseppe Verdis Opern mitreißen lässt, wird an Joachim Campes Verdi-Biographie Interesse haben. Der Autor zeichnet das Leben des Komponisten, der alles Private möglichst verbarg, stilistisch romanhaft vor dem italienischen Risorgimento. 478 Fußnoten zeugen von gründlicher Einarbeitung.

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