09.05.2012
Chinesischer Dissident im Interview

Chen sorgt sich um seine Verwandtschaft

Der blinde Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng im Telefoninterview.
Foto: REUTERS

Peking – In der Leitung rauscht es, immer wieder bricht die Verbindung ab: Als die TT den chinesischen Bürgerrechtler Chen Guangcheng am Dienstag telefonisch erreicht, gibt sich der 40-Jährige optimistisch, bald in die USA zu dürfen. Washington und Peking hatten sich zuletzt darauf verständigt, dass Chen nicht als politischer Flüchtling, sondern als Student ausreisen soll.

Ist Ihre Familie bei Ihnen?

Chen: Ja. Aber leider weiß ich nicht, wie es meinen Verwandten in Shandong geht. Ich mache mir große Sorgen um sie. Ich habe gehört, dass mein Neffe festgenommen wurde, aber genauere Informationen habe ich nicht. Die Regierung hat gesagt, dass sie die Verfolgung unserer Familie beenden wird und dass sie das Unrecht, das uns in Shandong angetan wurde, untersuchen will.

Stimmt es, dass weder Ihre Freunde noch die Mitarbeiter der US-Botschaft Sie besuchen dürfen?

Chen: Ja.

Glauben Sie, dass Peking die Zusage, dass Sie zum Studium in die USA dürfen, hält?

Chen: Ich bin zuversichtlich, dass sich das nicht mehr rückgängig machen lässt. Gestern hat mich ein Beamter besucht und mir gesagt: „Mach dir keine Sorgen, die Zentralregierung hat bestimmt, dass es bei deiner Passausstellung keine Probleme geben soll.“

Glauben Sie, dass man Ihnen erlauben wird, in Ihre Heimat zurückzukehren?

Chen: Davon gehe ich aus. Das ist schließlich nichts anderes als die Sicherstellung meiner Menschenrechte. Unsere Verfassung garantiert jedem Chinesen Bürgerrechte und Freiheit.

Zumindest auf dem Papier. Steht hinter Pekings Zustimmung zur Ausreise nicht das Kalkül, dass das Interesse an Ihnen weg ist, wenn Sie nicht mehr in China sind?

Chen: Darüber weiß ich nichts.

Würden Sie auch künftig in China als Menschenrechtsaktivist arbeiten wollen?

Chen: Natürlich. Die Menschenrechte sind etwas Intuitives. So wie ein Mensch ausweicht, wenn jemand ihn zu schlagen versucht, so sehnt er sich auch nach der Einhaltung seiner Rechte. Ich bin mir übrigens sicher, dass auch die Regierung wissen will, welche Probleme es in China gibt. Um sie zu lösen, führt an der Einhaltung der Menschenrechte kein Weg vorbei.

Trotzdem konnten Sie Ihre Rechte nur einfordern, indem Sie in die US-Botschaft geflohen sind. Würden Sie das wieder tun?

Chen: Ich denke schon.

Welchen Einfluss hat Ihr Fall auf andere Aktivisten?

Chen: Das weiß ich nicht. Ich bekomme ja keine Nachrichten von außen und darf das Internet nicht benutzen.

Sie bekommen auch nicht mit, dass in den chinesischen Medien eine Diffamierungskampagne gegen Sie läuft?

Chen: Nein, ich kann diese Artikel nicht lesen.

In der Global Times behauptet z.B. ein Autor namens Sima Pingbang, dass er Sie im Hausarrest besucht habe und Zeuge geworden sei, wie Sie Ihr ganzes Dorf erpresst haben sollen.

Chen: Was daran stimmt, ist, dass er am 19. Dezember 2011 bei mir war. Allerdings hat er sich damals nicht einmal vorgestellt, seinen Namen weiß ich nur, weil seine Begleiter ihn mit „Herr Sima“ angesprochen haben. Er hat meine Situation gesehen und meine Erzählungen gehört, aber er zeigte kein Mitleid. Er hat sogar gelacht und mir gesagt: „In China ergeben eins plus eins eben nicht immer zwei.“ Dieser Mensch hat kein Gewissen.

Sie haben auch den USA vorgeworfen, Sie im Stich gelassen zu haben.

Chen: Das war ein Missverständnis. Ich war damals sehr verunsichert, weil die Botschaftsmitarbeiter, die mich ins Krankenhaus begleitet hatten, plötzlich nicht mehr an meiner Seite waren. Hinterher habe ich erfahren, dass man ihnen den Zutritt zu meinem Raum verweigert hat, aber dass sie noch da waren. Für die Hilfe der US-Botschaft und -Regierung bin ich ungeheuer dankbar.

Das Interview führte Bernhard Bartsch

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 09.05.2012
sperrstunde
Parship
Jobs
Unterkunftssuche

    7. SYMPHONIEKONZERT

    Wann: 23.05.2013
    Wo: Congress Innsbruck, Saal Tirol

    WIE IM HIMMEL

    Wann: 23.05.2013
    Wo: Tiroler Landestheater - Grosses Haus

    Die gesetzliche Verordnung zur Veredelun...

    Wann: 24.05.2013
    Wo: Tiroler Landestheater - [K2]

    Trailer: Eine Dame in Paris

    Anne verlässt Estland nach Paris, um sich dort...

    Trailer: Pieta

    Der südkoreanische Filmemacher Ki-duk Kim füh...

    Stoker - Die Unschuld endet - Trailer

    An ihrem 18. Geburtstag kommt India Stokers Vat...
    Panoramabilder
    Panoramabilder
    Panoramablick
    Events · Kino · TV · Motor · Multimedia · Musik · Stars · Leben ·
    AGB Kontakt Impressum