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Gaza-Konflikt

Wieder Raketen abgefeuert: Weltweite Warnungen vor Eskalation

Bemühungen um eine Waffenruhe in Nahost blieben bislang ohne Erfolg. Israel bombardiert den Gazastreifen, Palästinenser schießen Raketen auf Israels Städte. Und es gibt mehr Tote und Verletzte.

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Berlin/London/Jerusalem - Der blutige Schlagabtausch in Nahost zwischen Israelis und Palästinensern im Gazastreifen nimmt kein Ende. Die Zahl der Toten stieg am fünften Tag der israelischen Militäroperation „Säule der Verteidigung“ auf mehr als 65, Hunderte wurden bislang bei Raketen- und Luftangriffen verletzt. Die israelische Armee bombardierte auch am Sonntag zahlreiche Ziele im Gazastreifen. Dabei starben nach Angaben der dort regierenden Hamas am Sonntag elf palästinensische Zivilisten - so viele wie bisher bei keinem anderen Einzelangriff seit Beginn der israelischen Offensive.

Luftalarm in Tel Aviv

In Tel Aviv haben am Sonntag erneut die Sirenen geheult. Militante Palästinenser feuerten am Sonntag erneut zwei Raketen auf die israelische Küstenmetropole. Wie israelische Medien unter Berufung auf das Militär berichteten, wurden Geschoße aus dem Gazastreifen von dem Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ (Eisenkuppel) abgefangen.

Laut Polizei gab es zunächst keine Berichte über Opfer oder sonstige Schäden. In den Städten Aschkelon, Beerscheva und Sderot wurden mehrere Gebäude direkt von Raketen getroffen. Ein Feuerwehrmann erlitt schwere Kopfverletzungen.

900 Raketen auf Israel abgefeuert

Die radikal-islamische Hamas bekannte sich auch zu diesem Angriff auf Tel Aviv, das bereits den vierten Tag in Folge mit Raketen beschossen wurde. Es handele sich um eine „verbesserte“ Kassam-Rakete des Typs M-75, die eine größere Reichweite habe, teilte Hamas mit. Seit Mittwoch hat Hamas nach eigenen Angaben etwa 900 Raketen auf Israel abgefeuert. In einem Vorort Tel Avivs wurde ein Auto von Raketentrümmern getroffen und ging in Flammen auf.

44 Millionen Cyber-Angriffe

Die israelische Regierung hat am Sonntag Massenangriffe von Hackern auf staatliche Internetseiten eingeräumt. Die Regierung führe angesichts der Cyber-Attacken einen Krieg an „zweiter Front“, sagte Finanzminister Yuval Steinitz vor einer Kabinettssitzung. In den vergangenen vier Tagen habe es 44 Millionen Cyber-Angriffe auf Webseiten der Regierung gegeben. Bis auf einen Angriff seien alle erfolgreich abgewehrt worden. Zuvor hatte die Hackergruppe Anonymous behauptet, wegen der israelischen Luftoffensive im Gazastreifen dutzende israelische Webseiten lahmgelegt zu haben.

In einer Erklärung der Hacker hieß es, „viel zu lang“ habe sich Anonymous darauf beschränkt, „verzweifelt die barbarische, brutale und verabscheuungswürdige Behandlung des palästinensischen Volkes“ durch Israel zu betrachten. Der Protest richte sich auch gegen eine angeblich seitens Israel drohende Unterbrechung der Internet-Verbindungen im Gazastreifen. Sollte die israelische Regierung das Internet und andere Telekommunikationsverbindungen im Gazastreifen unterbrechen, werde „grenzenloser Zorn“ von Anonymous die Folge sein.

Weltweite Warnungen

Politiker aus aller Welt haben am Wochenende unisono vor einer weiteren Eskalation der Gewalt im Nahen Osten gewarnt. Einzelne Erklärungen ließen zudem erkennen, welche Konfliktparteien - Israel oder die radikal-islamische Palästinenser-Organisation Hamas - dabei unterstützt wurden:

- US-Präsident Barack Obama hat das Selbstverteidigungsrecht Israels bekräftigt. Kein Land würde es tolerieren, dass von außerhalb seiner Grenzen immer wieder Raketen auf sein Territorium abgefeuert würden, sagte der Präsident am Sonntag am Rande seines Besuchs in Thailand. Auf die Frage, ob die USA Bodentruppen in Gaza tolerieren würden, antwortete er nicht direkt. Die USA bemühten sich, den Konflikt ohne weitere Eskalation beizulegen. Bei einer Zuspitzung des Konflikts sei es umso schwieriger, den Nahost-Friedensprozess zügig wieder in Gang zu setzen. „Lasst uns abwarten, was für Fortschritte wir in den nächsten 24 bis 36 Stunden erzielen können.“

- Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel betont auch das Recht Israels auf Selbstverteidigung, spricht sich im Telefonat mit dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanyahu dafür aus, dass „schnellstmöglich ein vollständiger Waffenstillstand erreicht werden müsse, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden“. Ermuntert Ägyptens Präsident Mursi, seine „wichtige Vermittlerrolle“ weiter auszuüben. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle mahnt die Araber, mäßigend auf die Hamas einzuwirken. Der Minister warnt vor einer „drohenden Eskalationsspirale“ in Nahost.

- Der britische Premier David Cameron ruft Netanjahu auf, „alles nur Mögliche“ zu tun, um die Krise in Gaza zu beenden. Sien Außenminister William Hague warnt, dass Israel internationale Sympathien verlieren werde, sollte es eine Bodenoffensive im von der Hamas beherrschten Gazastreifen starten. Hague und Cameron sehen die Hamas als Hauptverantwortliche für die Krise.

- Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton betonte schon am Freitag das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Raketenangriffe wie die der Hamas seien „für keine Regierung hinnehmbar“. Israel müsse aber sicherstellen, „dass seine Antwort verhältnismäßig ist“.

- Der tunesische Außenminister Rafik Abdel Abdesslem (Abdel Salam) fordert bei einem Solidaritätsbesuch im Gazastreifen einen sofortigen Stopp der israelischen Angriffe: „Was in der Vergangenheit erlaubt war, ist jetzt wegen der Entwicklung in der arabischen Welt verboten.“

- Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan fordert eine Reform des UNO-Sicherheitsrats, kritisiert die UNO-Haltung zu den Konflikten in Syrien und im israelisch-palästinensischen Konflikt. „Wenn es zu den Ungerechtigkeiten in Syrien und Palästina kommt, bleiben jene Länder still, die ansonsten oft über die Unantastbarkeit der Menschenrechte sprechen.“ Diese Doppelmoral müsse aufhören.

- Die Arabische Liga kündigt einen Solidaritätsbesuch von Generalsekretär Nabil al-Arabi (Elaraby) im Gazastreifen an. Die Liga kritisiert die israelischen Angriffe auf Gaza und bezeichnet sie als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

- Der iranische Außenminister Ali-Akbar Salehi macht Israel für den Konflikt verantwortlich und ruft die muslimischen Staaten zur Solidarität mit Gaza auf: „Sie sollten sich auf den Hauptfeind konzentrieren, und dieser ist das zionistische Regime.“

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