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Weltpolitik

Freude über Nahost-Waffenruhe könnte bald getrübt werden

Die radikal-islamistische Hamas geht gestärkt aus dem jüngsten Gewaltausbruch im Nahen Osten hervor, was vor allem auf Kosten der gemäßigten Regierung von Palästinenserpräsident Abbas geht.

Jerusalem/Gaza - Nach der Waffenruhe im Nahen Osten feiern sich sowohl Israel als auch die radikal-islamische Hamas als Sieger. Doch die Freude auf beiden Seiten könnte von kurzer Dauer sein, denn große Risiken überschatten die Vereinbarung. „Wir sind skeptisch“, sagt ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter. „Aber die Ägypter und die Amerikaner stehen hinter der Vereinbarung. Wenn sie also scheitert, wissen sie, dass wir einen legitimen Grund haben, um hart reinzugehen“.

Auch der Politik-Experte Talal Okal im Gazastreifen geht nicht davon, dass die Kämpfe endgültig vorbei sind. „Die Hamas ist in einer stärkeren Position als je zuvor“, erklärt er. „Die Palästinenser dürfen nicht aufhören, sich auf die nächste Runde vorzubereiten“.

Hamas verbesserte Ruf in der Arabischen Welt

Immerhin haben beiden Seiten nach der Waffenruhe etwas vorzuweisen für ihre Klientel: Die Hamas verlor zwar ihren obersten Militär-Chef und musste schwere Verluste bei Infrastruktur und Waffen hinnehmen. Dennoch hat sie ihren Ruf in der arabischen Welt und bei der eigenen Bevölkerung massiv verbessert. Es gelang ihr erstmals, mit ihren Raketen die Großstädte Tel Aviv und Jerusalem zu erreichen. Israel kann sich damit schmücken, dass es der Hamas schwere Schläge zugefügt und einen Weg zur Zusammenarbeit mit der neuen islamistischen Regierung in Ägypten gefunden hat. Zudem hat der jüdische Staat bewiesen, dass er sein Territorium selbst gegen einen ganzen Raketenhagel aus dem Gazastreifen schützen kann und das Hightech-Schutzschild des „Iron Dome“ (Eiserne Kuppel) funktioniert.

„Niemand macht sich irgendwelche Illusionen, dass die Waffenruhe ewig hält“, sagt Michael Herzog, ein früherer Stabschef im israelischen Verteidigungsministerium. „Aber es besteht die Möglichkeit, dass sie eine ganze Weile halten könnte, wenn alles gut läuft.“

Soweit wie jetzt waren Israel und die Hamas vor ein paar Jahren schon einmal: Nach dem Gaza-Krieg 2009 dauerte es viele Monate, ehe die Hamas wieder in der Lage war, aus ihrem schwer zerstörten Gebiet Raketen auf Israel abzufeuern. Damals waren die normalen Palästinenser im Gazastreifen wütend auf die Organisation, der sie vorwarfen, einen verheerenden Krieg provoziert zu haben sowie eine Invasion, die 1400 Menschen das Leben kostete.

Drei Jahre später ist die Stimmung gänzlich anders: Tausende Palästinenser gingen im Gazastreifen auf die Straße, um die Waffenruhe zu feiern. Noch während der israelischen Offensive war eine ganze Reihe hochrangiger arabischer Politiker in den Gazastreifen geeilt, um ihre Solidarität auszudrücken. Auch Ägypten unter seiner neuen islamistischen Führung behandelt die Hamas inzwischen mit Respekt - undenkbar zu Zeiten des früheren Präsidenten Hosni Mubarak. Die neue Popularität der Hamas geht auf Kosten der offiziellen Palästinenser-Regierung unter Präsident Mahmoud Abbas (Abu Mazen), der im Westjordanland residiert.

Skepsis in Israel

Auch in Israel, wo im Jänner Wahlen anstehen, sind etliche Bürger unzufrieden mit der Waffenruhe. „Ich finde, die Ziele des Einsatzes wurden nicht erreicht“, sagte Shaul Mofaz, der Vorsitzende der zentristischen Kadima-Partei. Die israelischen Bürger hätten mehr erwartet. „Sie wollten, dass die israelische Armee der Hamas einen Waffenstillstand aufzwingt - stattdessen hat der ägyptische Präsident Mohammed Mursi mit Hilfe der USA Israel zu einer Waffenruhe gezwungen.“

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu dagegen dürfte die Rolle Ägyptens anders interpretieren: Als Beleg dafür, dass Israel trotz seiner zuletzt schlechten Beziehungen zu der neuen ägyptischen Führung mit dem Nachbarstaat zusammenarbeiten kann und zugleich die ebenfalls abgekühlten Beziehungen zu den USA neu belebt hat. Außerdem dürfte er darauf hinweisen, dass er nur begrenzte Ziele für die Luftoffensive gegen den Gazastreifen gesetzt hatte. Er versprach nie, die Hamas zu stürzen, sondern lediglich, ihre Infrastruktur zu zerstören. Doch es könnte sein, dass die israelische Öffentlichkeit von dieser Interpretation nur schwer zu überzeugen ist.

Abwehrsystem überzeugte

Vielleicht der größte Gewinner ist am Ende der „Iron Dome“, der nach Militärangaben 84 Prozent der hereinkommenden Raketen abgefangen und damit wohl viele Menschenleben gerettet hat. Die Offensive der Luftwaffe dagegen war manchen Israelis zu zaghaft. „Je vorsichtiger wir sind, desto schwieriger ist es, langfristig für Ruhe zu sorgen“, sagt Yohanan Plesner, ein Wehr-Experte der Kadima-Partei. „Je mehr wir uns zurückhalten, desto geringer ist der Preis, den die Hamas zu zahlen hat.“

(Von Crispian Balmer, Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters)