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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 06.02.2013

Der Trend geht zur Ehe für alle

Immer mehr Länder und US-Bundesstaaten öffnen die Ehe auch für homosexuelle Paare. In Österreich allerdings dürfte es vorerst bei der eingetragenen Partnerschaft bleiben.

Von Floo Weißmann

London, Paris – Das Jahr 2013 könnte als jenes in die Geschichte eingehen, in dem die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Paaren im Westen einen Durchbruch gefeiert hat. Mit Frankreich und Großbritannien stehen führende EU-Länder vor der Einführung der Homo-Ehe. Und die USA erwarten eine Richtungsentscheidung des Supreme Court.

Vorige Woche stimmte das britische Unterhaus für die Einführung der Homo-Ehe. „Die Ehe ist eine großartige Institution und sie sollte da sein für Menschen, die homosexuell sind, und für Menschen, die das nicht sind“, sagte der konservative Premier David Cameron. In Frankreich billigte die Nationalversammlung den ersten Artikel eines Gesetzes für die Ehe von Lesben und Schwulen. „Wir schaffen die Freiheit für jede und jeden, ihre Partnerin oder seinen Partner zu wählen, um eine gemeinsame Zukunft aufzubauen“, freute sich die linksorientierte Justizministerin Christiane Taubira.

In den USA öffneten im Herbst vier weitere Bundesstaaten die Ehe für homosexuelle Paare – erstmals durch Volksabstimmungen. Präsident Barack Obama überraschte Freund und Feind, als er in seiner Antrittsrede im Jänner die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Paaren forderte: „Denn wenn wir gleich geschaffen sind, muss auch die Liebe eines Menschen zu einem anderen gleichwertig sein.“ Er läutete damit eine der Debatten des Jahres ein: Im Juni entscheiden die US-Höchstrichter, ob es zulässig war, die Homo-Ehe in Kalifornien per Volksentscheid abzuschaffen. Sehen sie darin eine Diskriminierung, dann hätte das Folgen für den Rest des Landes.

Sowohl in den USA als auch in Frankreich hat sich erbitterter öffentlicher Widerstand gegen die Homo-Ehe formiert. In Frankreich brachte eine Allianz aus konservativen Religionsführern, Politikern und Organisationen mehrere zehntausend Menschen auf die Straße. „Wir alle kommen von einer Mutter und einem Vater“, war auf ihren Plakaten zu lesen.

Umfragen zufolge hat sich die Meinung im Westen jedoch zugunsten der Homo-Ehe gedreht. In den USA etwa erhob das Pew-Institut, dass die Ablehnung der Homo-Ehe zwischen 1996 und 2012 von 65 auf 43 Prozent gesunken ist. Die Zustimmung stieg von 27 auf 48 Prozent. Auch in Mitteleuropa beobachtet der deutsche Rechtssoziologe Rüdiger Lautmann: „Die Mehrheit hält die Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen zumindest für akzeptabel.“ Er sieht diese Entwicklung eingebettet in einen „umfassenden Trend, dass man Verschiedenheit akzeptiert“. Das betreffe auch etwa die unterschiedliche Herkunft, Religion oder sozialen Milieus. Gleichheit sei nicht mehr der oberste Wert.

Über die Gründe für den rasanten Gesinnungswandel rätseln die Experten noch. Lautmann vermutet, dass die Öffentlichkeit mit der Gleichstellung von Homosexuellen Paaren Ruhe schaffen wolle. Außerdem empfinde sie Schwule und Lesben als weniger bedrohlich, „wenn diese sich verhalten wie bürgerliche Existenzen“. Die Wiener Politologin und Aktivistin Gudrun Hauer meint, dass sich die jahrzehntelange Lobbyarbeit ausgezahlt habe. Sie geht trotz der zu erwartenden Gegenreaktionen „davon aus, dass sich der Trend in industrialisierten Ländern fortsetzen wird“.

Für Österreich dürfte dies allerdings vorerst nicht gelten. Es sei „unvorstellbar, dass die ÖVP der Öffnung der Ehe zugestimmt hätte“, sagt Christian Högl, Obmann der Homosexuellen Initiative (Hosi) Wien. Stattdessen wurde hierzulande vor drei Jahren die eingetragene Partnerschaft eingeführt. Diese sei inzwischen „für viele zur Selbstverständlichkeit geworden“, beobachtet Högl. Laut einer Umfrage des Ifes-Instituts traten bereits 2004 sieben von zehn Österreichern für die Gleichstellung von homosexuellen Paaren im Miet-, Erb- und Sozialrecht ein.

Das heimische Eherecht betrachtet die Hosi hingegen wegen „archaischer Trennungsbestimmungen“ (Högl) als nicht erstrebenswert. Sie fordert stattdessen Verbesserungen bei der eingetragenen Partnerschaft, etwa die Möglichkeit, die Kinder des Partners zu adoptieren. Auch die Nachfrage zur Homo-Ehe im ÖVP-geführten Justizministerium ergab: „Wir sehen derzeit keinen Änderungsbedarf.“