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Abstimmung

Frankreichs Parlament ebnet am Dienstag den Weg zur Homo-Ehe

Im Land der „égalité“ soll Gleichheit bald auch für Homosexuelle gelten. Nach einem Parlamentsmarathon hoffen Schwule und Lesben in Frankreich nun darauf, nicht nur heiraten, sondern auch Kinder adoptieren zu dürfen.

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Von Gerd Roth

Paris – Ein gesellschaftliches Randthema hat sich zu einem der umstrittensten Vorhaben von Präsident François Hollande entwickelt. Wie kaum eine andere Reform der immer noch jungen Regierung lässt die Homo-Ehe Emotionen in Frankreich hochkochen. An diesem Dienstag will die sozialistisch beherrschte Nationalversammlung der Verbindung von Schwulen und Lesben den offiziellen Segen geben. Umstritten ist vor allem das Adoptionsrecht.

Bis zur Abstimmung haben die 577 Abgeordneten einen Sitzungsmarathon hinter sich bringen müssen. Für die mehr als 5300 Änderungsanträge vor allem der konservativen Opposition brauchten die Parlamentarier zehn Sitzungstage. Nächte und Wochenenden waren ebenfalls für die Beratungen reserviert. Knapp 110 Stunden lang ging es bis Samstagmorgen um das neue Recht für Schwule und Lesben.

Code civil

Letztlich dreht sich der Streit um den entscheidenden neuen Paragrafen 143 für den berühmten Code civil, die französische Vorlage des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs. Darin heißt es: „Die Ehe wird geschlossen von zwei Personen unterschiedlichen Geschlechts oder gleichen Geschlechts.“ Alle weiteren Regelungen - auch das neue Adoptionsrecht - basieren auf diesem Satz.

Im Land der „égalité“ soll damit Gleichheit nun auch für Homosexuelle gelten, inklusive Adoptionsrecht. Vor allem dieser Punkt brachte die „fraternité“, die Brüderlichkeit im Land schwer ins Wanken. Der zunächst von Kirchen und Konservativen getragene Widerstand griff rasch um sich.

Der sozialistischen Regierung blies ein Proteststurm vor allem aus der strukturell konservativen Provinz entgegen. Bereits Ende des vergangenen Jahres kamen die Menschen in vielen Städten zusammen, um bunt und fantasievoll gegen Homo-Ehe und Adoptionsrecht aufzubegehren. Meist erfolgreich bemühten sie sich dabei, schwulen- und lesbenfeindliche Ausgrenzungen zu verhindern.

Gegner und Befürworter demonstrierten

Zum zentralen Aktionstag im Januar in Paris trommelten die Gegner dann nach eigenen Angaben mehr als eine Million Unterstützer zusammen. Die Polizei zählte allerdings nur 340.000 Teilnehmer. Den Aufstand des konservativen Frankreichs wollten die Befürworter nicht auf sich sitzen lassen. Zwei Wochen später gingen 125.000 (nach Polizeiangaben) oder 400.000 (laut Veranstalter) Menschen für Schwule und Lesben auf die Straße.

Das Engagement spiegelte sich in den Reihen der Nationalversammlung wider. Selbst nächtlich leere Bänke und allgemeine Erschöpfung hielten die Streitenden nicht von hitzigen Debatten ab.

Abweichler unter den Konservativen

Zur Abstimmung sind die Reihen der Linken gegen das „politische Vakuum auf der Rechten“ geschlossen. Mit Abweichlern wird auch eher im rechten Spektrum der Nationalversammlung gerechnet. Bisher haben zwei konservative Abgeordnete angekündigt, für Gesetz und Homo-Ehe zu stimmen. Die Spitze der oppositionellen UMP-Fraktion selbst geht von bis zu 15 Prozent der 196 Abgeordneten aus, die sich enthalten oder gar für das Gesetz stimmen könnten.

Nach der Nationalversammlung muss das Gesetz noch durch die zweite Kammer, den Senat. Dort haben die Sozialisten zwar keine eigene Mehrheit. Die Unterstützung anderer Linksparteien gilt bei diesem Gesetz allerdings als sicher. (dpa)

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