01.02.2012, 11:05  Aktualisiert: 01.02.2012, 12:35 
Eklat am WKR-Ball

Juden-Vergleich – Strache sieht sich als Opfer

Der FPÖ-Chef sieht sich als Opfer einer „parteipolitisch motivierten Schlammschlacht“. Seine Aussagen zu „neuen Juden“ und zur „Reichskristallnacht“ seien „völlig falsch“ berichtet worden.
Strache wirft seinen Kritikern „bewusste Verdrehung“ vor.
Foto: APA (Fayer)/FAYER

Wien – „Unfassbar wie mit Gewalt, Lügen, Diffamierung, Hetze gegen alles Nicht-Linke vorgegangen wird“, empört sich Strache auf seiner Facebook-Seite. Seine Aussagen zu „neuen Juden“ und zur „Reichskristallnacht“ am Ball des Wiener Korporaitionsrings am vergangenen Freitag seien von einem Journalisten des Standard bewusst aus dem Zusammenhang gerissen worden, beklagte sich der FPÖ-Obmann bei seiner ersten öffentlichen Stellungnahme nach dem Eklat am Dienstag in der ZIB2. Er sieht sich als Opfer einer „parteipolitisch motivierten Schlammschlacht“. Der Standard hält an den Aussagen seines Redakteurs fest.

„Jetzt kann man sich vorstellen, welches Leid die Menschen damals erleben mussten“

„Diesen Vergleich habe ich so nicht angestellt“, rechtfertigte sich Strache im Fernsehen. Er habe am Ball lediglich gesagt, dass „diese totalitären Massenpsychosen, die damals passiert sind, auch dort von den Besuchern erlebt worden sind und man gesagt hat, jetzt kann man sich vorstellen, welches Leid die Menschen damals erleben mussten“, erklärte Strache gegenüber dem ORF. Dass er damit sehr wohl einen Vergleich gezogen hat, bestreitet der FPÖ-Chef. Er habe damit nur sein tiefstes Mitgefühl mit den Opfern zum Ausdruck gebracht.

Vergleiche mit dem Nationalsozialismus hätten vielmehr die Ball-Gegner getroffen, denn diese hätten die Gäste attackiert und etwa „Erschießt die Nazi-Schlampen“ gerufen. Die Ballbesucher hätten Todesängste ausgestanden, Frauen seien weinend zu ihm gekommen. „Wäre keine Polizei vor Ort gewesen, hätte es sogar Tote geben können.“

Weiters sei „Wir sind die neuen Juden“ ein Zitat des verstorbenen Ex-FPÖ-Chefs Jörg Haider, das bei dem Ball diskutiert worden sei.

Dass die FPÖ klare Distanzierungen zum Rechtsextremismus vermissen lässt, wies Strache in der ZIB2 zurück. Auch in den anderen Parteien habe es in diesem Bereich Entgleisungen gegeben – „sogar bei den Grünen“. Seine Partei habe mit Antisemitismus und Nationalsozialismus nichts zu tun. Eine Klage werde „sicherlich auch ein Thema sein“, sagte Strache.

„Standard“: Weitere Zeugin

Die Redaktion des Standard hielt dagegen in einer schriftlichen Stellungnahme fest, dass gegenüber ihrem Journalisten Tobias Müller an diesem Abend in der Hofburg im persönlichen Gespräch mit Strache nie der Name Haider gefallen sei, auch sei zu keiner Zeit von einem Haider-Zitat die Rede gewesen. Dies könne eine Zeugin bestätigten, die von Anfang an an diesem Gespräch teilgenommen habe.

Strache habe von sich aus von Angriffen auf Burschenschaftsbuden gesprochen und diese mit der „Reichskristallnacht“ verglichen, sowie den Satz „Wir sind die neuen Juden“ formuliert. „Müller kann und würde dies auch vor Gericht unter Eid bezeugen“, betonte die Redaktion. Zu diesem Gespräch gebe es ein Gedächtnisprotokoll, das noch in derselben Nacht angefertigt worden sei.

Fischer setzt ein Zeichen

Bundespräsident Heinz Fischer hatte am Dienstag nach dem Eklat bekanntgegeben, dass Strache das von der Regierung vorgeschlagene „Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern“ vorerst nicht erhalten wird. Da der FPÖ-Chef „die Demonstrationen gegen den WKR-Ball – in welchem Zusammenhang auch immer – mit dem verbrecherischen und zahlreiche Todesopfer fordernden Novemberpogrom der Nationalsozialisten in Zusammenhang gebracht hat“, habe er entschieden, die Verleihung des Ehrenzeichens zurückzustellen, begründete Fischer seinen Entschluss.

Der Bundespräsident habe ihn nicht einmal angerufen, bevor er die Verweigerung des Ordens bekanntgegeben habe, beklagte sich Strache daraufhin in der ZIB2. Die FPÖ erkennt in der Rückstellung des Ehrenzeichens ein eigenwilliges Amtsverständnis des Staatsoberhaupts.

Verbale Entgleisungen am WKR-Ball

Strache hatte laut dem Standard-Journalisten Tobias Müller am vergangenen Freitag die Teilnehmer des WKR- Balls angesichts der Gegendemonstrationen als die „neuen Juden“ bezeichnet und einen Vergleich mit der „Reichskristallnacht“ gezogen. Der FPÖ-Obmann soll dabei nicht bemerkt haben, dass sich Journalisten in Hörweite befanden. Der Bericht schlug hohe Wellen. Mitglieder der anderen Parlamentsparteien reagierten empört, auch Rücktrittsforderungen wurden laut. Die Israelitische Kultusgemeinde IKG sprach von einer „ungeheuerlichen Provokation“ und kündigte eine Anzeige an. (tt.com)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mi, 01.02.2012  11:05
aktualisiert: Mi, 01.02.2012  12:35
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