Mögliche Kriegsverbrechen, tote Kinder und dennoch alles normal?
New York - „Das Wikileaks-Material bestätigt und ergänzt die Berichte über Afghanistan zwischen 2004 und 2009, mit denen die meisten Amerikaner bereits vertraut sind“, schreibt die Washington Post.
„Ich habe bislang nichts in den Dokumenten gesehen, das mich entweder überrascht oder mir etwas Bedeutendes mitgeteilt hätte“, erklärt Afghanistan-Experte Andrew Exum in einem Beitrag für die New York Times.
Die großen Medienhäuser in den Vereinigten Staaten scheinen sich auf den Konsens verständigt zu haben: alles nicht neu, alles ganz normal. Und damit gehen sie konform mit der offiziellen Reaktion der US-Regierung zum wikileak-Desaster: Sprecher von Weißem Haus und Verteidigungsministerium betonten, die Dokumente enthielten keine neuen Enthüllungen.
Und tatsächlich erscheint es so, dass viele der Berichte aus „erster Hand“ teilweise bekannt waren – vielleicht nicht in dieser unmittelbaren und authentischen Darstellung, wie sie in vielen Feldberichten nachzulesen ist.
Verheimlichte zivile Opfer
Dass es aber klare Hinweise auf deutlich mehr zivile Opfer als bisher angenommen gibt, bringt offenbar niemanden aus der Ruhe. Insider und Skeptiker mögen schon von Beginn des Feldzugs an der „sterilisierten“ Geschichtserzählung der Bush-Administration misstraut haben – dass das Verheimlichen von diesen Informationen ebenfalls zur Normalität eines Krieges gehören soll, muss dennoch zumindest irritieren.
Wenn der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg selbst die Berichte vom Tötungskommando Task Force 373 wissend damit kommentiert, dass die Existenz der Einheit „jedem Informierten über Jahre hinweg bekannt gewesen“ sei, dann kann man den Grad an Akzeptanz für das im Krieg offenbar unausweichliche ablesen. Eine Kaltschnäuzigkeit, die verblüffen müsste, es aber offensichtlich nicht tut.
Maulwurfjagd
Entsetzen ruft die Veröffentlichung der Akten im Pentagon vor allem deshalb hervor, weil die Datenmenge so unfassbar groß ist. „Neu und beispiellos sind Ausmaß und Umfang dieses Lecks“, räumte Pentagon-Sprecher Geoff Morrell am Montag ein. Eine Untersuchung soll nun klären, wie die Dokumente ans Licht kamen. Die Maulwurfjagd hat begonnen.
Gleichzeitig galt das Augenmerk der US-Diplomatie dem „Partner“ Pakistan. Ein Regierungsmitarbeiter wurde vom Wall Street Journal mit dem Satz zitiert: „Die größte Sorge der Amerikaner war: Wie werden es die Pakistaner aufnehmen?“ Und das obwohl die veröffentlichten Dokumente nahe legen, dass der Verbündete ein doppeltes Spiel spielen könnte und mit den Taliban kollaboriert.
Und während wikileaks-Gründer Julian Assange erklärte, er glaube dass es unter den US-Angriffen „Tausende“ gebe, die möglicherweise von einem Gericht als Kriegsverbrechen bewertet werden könnten, wollen in solchen Fragen nicht einmal erfahrene Menschenrechtler so weit gehen.
Zu einem Vorfall befragt, bei dem durch das Eingreifen der Task Force 373 statt einem Al-Kaida-Kommandeur unschuldige Kinder starben, erklärte Tom Parker, der für Politik zuständige Direktor bei Amnesty International USA: „Ich glaube nicht, dass dieser Vorfall mit einem Kriegsverbrechen gleichzusetzen ist, aber es beunruhigt mich außerordentlich, dass sieben Kinder getötet wurden.“
„Was Länder tun, die sich im Krieg befinden“
Der Afghanistan-Krieg werfe schwierige Fragen auf, ergänzte Parker: „Es ist wirklich schwer zu wissen, wo Mord endet und Krieg beginnt.“
Eine Antwort auf die Frage nach den gezielten Tötungen von feindlichen Anführern fand der frühere Terrorabwehrexperte unter der Bush-Regierung, Juan Zarate: „Das ist genau das, was Länder tun, die sich im Krieg befinden.“
Und trotz des Ausbleibens des von manchem Kriegsgegner erhofften internationalen Aufschreis könnte die Veröffentlichung der Akten und Dokumente vor allem eines sein: das Ende der Schönrederei dieses Krieges und der allgemeinen Darstellung von bewaffneten Einsätzen des Westens als „chirurgisch“ und „steril“.
Der Krieg ist schmutzig, der Krieg in Afghanistan kann verloren gehen, Zivilisten sterben.
Oder wie es die römische Zeitung La Repubblica formuliert: Die Veröffentlichung dieser Informationen könnte eine „Offensive gegen die moralische Betäubung einer öffentlichen Meinung sein, die nicht sehen will, was in ihrem Namen geschieht. Sie ist sicherlich ein Sieg der Information gegen die Lüge“. (paco, APA, dpa)
aktualisiert: Mi, 16.02.2011 10:22



