„Wir warnen unsere Leute vor den Extremisten“
Wien – An der Spitze der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich kommt es am 26. Juni zu einem Wechsel. Der bisherige Präsident Anas Schakfeh wird das Amt nach 14 Jahren und einem komplizierten Wahlvorgang der vergangenen Monate voraussichtlich an den gebürtigen Türken Fuat Sanac (57) übergeben. Der frühere Boxer – in seiner Jugend brachte Fuat Sanac es bis zum türkischen Staatsmeister – hat in Wien studiert und promoviert, er war Religionslehrer und ist derzeit Fachinspektor für Islamischen Religionsunterricht.
Herr Dr. Sanac, mit Ihnen wird erstmals ein Türke der Islamischen Glaubensgemeinschaft vorstehen. Macht das einen Unterschied für die Arbeit der Glaubensgemeinschaft. Immerhin sind die Türken die größte muslimische Gruppe in Österreich.
Fuat Sanac: Nein. In der Glaubensgemeinschaft spielt die Nation keine Rolle. Mein Vorgänger war Syrer, zuvor leitete ein Afghane die Glaubensgemeinschaft. Das macht keinen Unterschied.
In der öffentlichen Diskussion ist beim Thema Islam schnell von Problemen die Rede. Stichwort Extremismus, Stichwort Integration. Was können Sie tun, um hier aufzuklären.
Sanac: Diese Vorwürfe sind populistisch. Wir haben in Österreich kein Problem mit Extremismus. Manchmal kommen Gruppen aus Deutschland nach Österreich und versuchen hier aufzuhetzen. Wir warnen dann unsere Leute vor diesen Gruppen.
Es tauchen aber immer wieder Vorwürfe auf, es gebe Hassprediger unter Imamen (muslimische Geistliche, Anm.) in Österreich.
Sanac: Wir gehen diesen Vorwürfen immer nach. Es will dann aber oft keiner mehr hören, wenn wir sagen, dass sie falsch sind.
Viele Mitglieder der Glaubensgemeinschaft sind Zuwanderer. Was macht für Sie gelungene Integration aus?
Sanac: Unser Motto muss lauten „Fördern und Motivieren“. Nur zu sagen, die Zuwanderer müssen Deutsch lernen, ist zu wenig. Sie müssen auch die Möglichkeit haben, Deutsch zu lernen, das bedeutet mehr Sprachkurse. Und die Menschen müssen sich zu Hause fühlen. Wenn man sie immer nur über ihre Nation anspricht, als Türken oder Araber, dann werden sie nicht integriert, sondern gezwungenermaßen immer daran erinnert, dass sie Ausländer sind. Die erste Generation hat 30 oder 40 Jahre hier gelebt, die sind ohne die Sprache ausgekommen. Aber die neue Generation lernt in der Schule Deutsch, in diese kommenden Generationen müssen wir investieren.
Sollten diese Jungen beide Sprachen perfekt sprechen, Deutsch und Türkisch?
Sanac: Warum nicht? Das ist ein Reichtum.
Unterstützen Sie dann auch die Pläne für eine Türkisch-Matura?
Sanac: Warum nicht. Auch Chinesisch ist Maturafach, wie viele andere Sprachen. Türkisch kann man von hier bis Mittelchina sprechen.
Was erwarten Sie vom neuen Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz? Kann er tatsächlich Fortschritte bringen?
Sanac: Herr Kurz ist eine Chance für die Zukunft. Wenn er Erfolg hat, dann wird er Wege für die Jugendlichen öffnen. Wenn er keinen Erfolg hat, wird er den Weg versperren und jeder wird sagen, wir haben so einen Burschen gehabt und er ist gescheitert. Wenn er Erfolg hat, kann er einen Kurswechsel einleiten. Förderung statt Forderung, das sagt auch Kurz. Bis jetzt hat das niemand so offen, ehrlich und mutig gesagt.
Der Islam ist immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, er vertrage sich nicht mit westlichen Werten.
Sanac: Der Islam ist die Religion, die sich mit Demokratie am nächsten vereinbaren lässt. Schon zur Zeit des Propheten Mohammed gab es ein Zusammenleben mit anderen Völkern. Nach dem Tod des Propheten haben die Menschen begonnen, ihre Vertreter zu wählen. Aber auf der anderen Seite gibt es auch eine Realität. Muslimische Staaten haben sich vom Islam so weit entfernt, dass Diktatoren an die Macht gekommen sind. Die Menschen sehen nicht mehr die Quellen der Religion, sondern diese Tatsachen.
Und wie steht es mit der Rolle der Frau? Frauen werden oft als unterdrückt gesehen.
Sanac: Das ist eine Frage der Tradition. Das hat nicht einmal ein Prozent mit dem Islam zu tun. Wir müssen diese Menschen aber viel stärker aufklären. Das machen wir auch, vor allem in den Moscheevereinen, wo wir sie auch erreichen.
Apropos Frauen. In regelmäßigen Abständen taucht die Forderung nach einem Burka-Verbot auf. Würden Sie das unterstützen?
Sanac: Burkas sind in Österreich nicht vorhanden. Warum reden wir dann darüber?
Sichtbar sind auch Minarette von Moscheen. Würden Sie sich mehr Minarette wünschen?
Sanac: Jeder hat das Recht, seine Gotteshäuser zu bauen, auch die Christen überall. Ich bin dafür, dass jeder seine Rechte bekommt. Wir sollten aber nicht über das Minarett sprechen, sondern darüber, ob die Architektur passt. Wir können das auch gemeinsam planen.
Wie gefällt Ihnen dann das lang umstrittene Minarett in Telfs?
Sanac: Vor einem Monat war ich dort. Ich habe den Leuten gesagt, ihr müsst dieses so genannte Minarett abreißen. Das ist nicht schön. Das schaut aus wie eine russische Rakete. Es wäre besser, am Rand der Stadt eine schöne Moschee zu bauen, die dieser Stadt und dieses Landes würdig ist.
Das Gespräch führte Wolfgang Sablatnig



