„Erdogan ist Meister der Täuschung“
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Recep Tayyip Erdogan: Pro-Europäer oder Islamist?
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Jürgen P. Fuß: „Erdogan - Ein Meister der Täuschung, Was Europa von der Türkei wirklich zu erwarten hat“. 2011 Verlag Bublies, 296 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3937820-16-3
Wien – In der Türkei scheinen seit 2002 die Bastionen der säkularen kemalistischen Ordnung eine nach der anderen zu fallen. Oppositionsparteien, Justiz, Medien und zuletzt die Militärführung wurden von der immer mächtiger werdenden AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan immer stärker in die Knie gezwungen.
In europäischen Medien wird häufig das Bild Erdogans vermittelt, dieser habe sich vom radikalen Islamisten zum pragmatischen, pro-europäischen Politiker gewandelt, der die notwendigen Reformen in der Türkei in Angriff genommen habe. Diese Darstellung wird jedoch von dem Autor und Publizisten Jürgen P. Fuß, der knapp sechs Jahre in der Türkei gelebt hat, vehement infrage gestellt.
In seinem Buch „Erdogan - ein Meister der Täuschung“ wirft Fuß der derzeitigen Regierung in Ankara vor, mit aller Macht zu versuchen, dem Islam in der türkischen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur eine immer stärkere Rolle zu verschaffen. Zudem stelle sich die regierende AKP als modern und europäisch dar, sei aber in Wahrheit ebenso konservativ wie zahlreiche frühere türkische Regierungen.
„Vorsicht“
Seine wahren Absichten verheimliche Erdogan gemäß der im Islam zulässigen Täuschung von Ungläubigen, der „Taqiyya“ (eigentlich: „Vorsicht“). Laut dem Koran (Sure 16, Vers 106 und Sure 3, Vers 28) ist es Muslimen erlaubt, in Notsituationen ihren Glauben zu verheimlichen oder gar zu verleugnen sowie vordergründig Freundschaft mit Feinden des Islam zu pflegen - solange man innerlich am Glauben festhält.
Im Gegensatz zu seinem Lehrmeister, dem im Februar verstorbenen Islamistenführer und 1997 vom Militär zum Rücktritt gezwungenen Ex-Premier Necmettin Erbakan, beherrsche Erdogan die Kunst der Taqiyya meisterhaft, meint der Autor. Er geht in diesem Zusammenhang auf die Kindheit und Jugend des türkischen Regierungschefs ein, der sein Weltbild in einem frommen Elternhaus und in einer religiösen Imam-Hatip-Schule erwarb.
Fuß zeichnet den Weg Erdogans zur politischen Macht nach, vom islamistischen Lokal-Politiker bis zum Bürgermeister von Istanbul und schließlich - trotz vorübergehenden Politikverbots - zum türkischen Ministerpräsidenten 2003. Zielstrebig baute dieser danach seine Machtposition innerhalb der AKP immer weiter aus, sodass am Ende die „Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt“ „mit Erdogan steht und fällt“.
Erdogans Türkei nicht „europa-tauglich“
Erdogans Verständnis von Demokratie widerspiegelt sich in dem kolportierten Vergleich mit einem öffentlichen Verkehrsmittel: Man benutze dieses solange, bis man an sein Ziel gelangt sei - dann steige man aus. Der Autor zieht schließlich das Resümee: Erdogans Türkei ist nicht europa-tauglich. Er ist damit einer Meinung mit dem international bekannten Islam-Wissenschaftler Bassam Tibi, den Fuß ausführlich zitiert.
Fuß, 1946 geboren, hatte 2004 mit seiner Frau die erste deutschsprachige Wochenzeitung der Türkei, die „Aktuelle Türkei-Rundschau“ gegründet. Im Februar 2009 verließ das Ehepaar die Türkei, „weil sie nicht länger in einem Land leben wollten, das Recep Tayyip Erdogan nach seinen islamisch-konservativen Vorstellungen umbaut“. Hinzu sei gekommen, dass das Risiko, ins Visier der Polizei oder Justiz zu geraten, für die Herausgeber und Chefredakteure der „Türkei-Rundschau“ immer größer geworden sei.
Zu dem Schwächen des Buches zählt, dass die Namen der erwähnten Personen nicht in türkischer Schreibweise mit den entsprechenden Sonderzeichen geschrieben sind (Erdogan ohne Yumusak-“g“). Ein Sach- und Personenregister fehlt. Bei der Quellenangabe ist der Autor nicht immer sorgfältig. So wurde eine vom Rezensenten verfasste APA-Meldung ohne korrekte Nennung fast wortwörtlich übernommen - allerdings wurde aus der Berliner SPD-Politikerin Dilek Kolat ein Mann gemacht. (APA)
aktualisiert: So, 31.07.2011 07:14



